Tag 141/365 – Die Angst des Torwarts

Nein, das wird keine Buchbesprechung von Peter Handtkes Krimi, dafür müsste ich ihn erst einmal gelesen haben. Dieses mittlerweile geflügelte Wort kam mir heute morgen in den Sinn, als ich noch kurz mit einem meiner Söhne mal wieder über Zukunft, Job und Erfolg sprach.

Da steht Großes an, Veränderungen klopfen an die Tür, etwas wird abgeschlossen und Neues steht in den Startlöchern. Ich kann mich noch recht gut an diese Zeit erinnern, als bei mir diese lebensverändernden Phasen anstanden. Anstatt freudig daran zu arbeiten, es fertig zu bekommen, um mich in das Nächste zu stürzen, begann ich, mich selbst zu sabotieren. Es ging so weit, dass ich kurz vorm Abi die Schule schmeißen wollte, kurz vor der Führerscheinprüfung keine Fahrstunden mehr nahm, die Ausbildung abbrechen und sogar zum Ende des Studiums aufgeben wollte. Für all das gab es keinen wirklichen Grund. Bis auf das Abi, das mäßig ausfiel, war ich überall sehr erfolgreich, es lief hervorragend. Und dennoch, einen Strich darunter zu ziehen und mit dem Erarbeiteten etwas Anderes zu beginnen, fiel mir sehr schwer.

Erfolgreich sein ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Da stecken eine Menge Ängste drin. Was ist, beispielsweise, wenn ich den Anspruch nicht halten kann? Wenn ich schlechter werde, die Qualität sinkt, ich enttäusche, nicht nur mich, sondern auch andere? Was ist, wenn die Entscheidungen, die ich danach treffe, falsch sind, ich mich auf einen Weg begebe, der doch nicht meiner ist? Wenn ich scheitere?

Erfolgreich sein bedeutet ja auch weiter konsequent an meinem Thema zu arbeiten, diszipliniert zu sein, ein Ziel zu haben und darauf zuzusteuern. Aufgeben und sich verweigern klingt zwar schrecklich, fühlt sich aber besser an. Krauche ich am Erdboden herum, kann ich nicht mehr tiefer fallen. Bewerbe ich mich nicht, kann ich mir keine Absage einhandeln. Weiche ich aus, kann ich in der Konfrontation nicht schlecht aussehen.

Und dann werden einfache Dinge auf einmal unendlich kompliziert. Bei Schriftstellern nennt man das Schreibblockade, in anderen Jobs hat es nicht so schöne Namen, es kommt sicherlich genauso häufig vor.

Die Leichtigkeit, das Spielerische geht verloren, das einen bisher durch das Thema trug. Von einem Moment auf den anderen, muss man einen Anspruch erfüllen. Von mir wurde erwartet, dass ich studierfähig bin, ein Auto sicher allein fahren kann, eine kompetente technische Zeichnerin oder später Ingenieurin bin. Und wenn ich das nicht schaffe?

Ich habe aber keine Lust mehr, in der Kreisliga zu spielen. Der nächste Elfer darf kommen.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. wildgans sagt:

    Mehrere Leben, jetzt die eigenen Kinder begleitend- dabei noch am eigenen doktern. Ja, du hast passende Worte dafür.
    Auf und nieder, immer wieder. Ich lese gern hier!

    Gefällt 3 Personen

    1. So ist Leben, oder?
      Danke schön, es freut mich sehr, dass du mich so gerne hier besuchst.
      Ganz liebe Grüße
      Alice

      Gefällt 1 Person

  2. Warum ist nur die Leichtigkeit samt dem Spielerischen abhanden gekommen und dann noch blöder-, wie paradoxerweise durch die Enge, die Angst ersetzt worden?
    Welcher Sack, samt Säckin hat dieses blöde Lebensmodell so gesellschaftsfähig und nahezu, wie vermeintlich alternativlos gemacht.
    Und dann frage ich mich, auch was meine seltsame Schlaffigkeit an geht, wo ist die Begeisterung hin? Da reicht es nicht in nahezu akademischer und empirischerweise die Daumenschrauben und „gesellschaftlichen“ Bremsen zu suchen…

    Die „fette Freude“ ist in uns, wir dürfen sie suchen oder es gibt da so wunderbare, wie liebenswerte „Katalysatoren“, Menschen, welche Fülle und Liebe verströmen und diesen Samen in uns…

    Mögen wir uns gießen, beschützen, fördern und an die Hand nehmen,
    was sich da potenzieren läßt…

    Haben wir Mut, nicht nur den nächsten Kirschbaum pflanzen – was genialerweise immer ein guter Start ist;
    alles Liebe,

    Raffa.

    Gefällt 2 Personen

    1. Fette Freude, absolut treffend beschrieben. Die empfinde ich, wenn ich ohne Druck arbeiten kann und ohne die Angst zu versagen 🙂
      Danke dir für dieses tolle Wort
      Lieben Gruß
      Alice

      Gefällt 1 Person

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