Gutenachtgedanken – Wandelzeiten

Die Spatzen riefen es von den Dächern „Es kommt was Neues auf uns zu“. Der Großvater schaute immer wieder übers Land. Etwas zog in seinen alten Knochen und er konnte es sich nicht erklären. Es war ein Wetterwechselgefühl, doch die Wolken hingen wie seit Wochen festgenagelt am Himmel.

Die Hunde wurden unruhig, bellten lauter als sonst den Postboten vom Hof und wuselten hinter der Magd her in der Hoffnung, dass sie auf dem Weg zum Koben etwas verlor.

Die kleinen Kinder weinten die ganze Nacht und wurden untertags nicht müde. Junge Mütter schliefen beim Essen ein, gepeinigt von fehlender Nachtruhe.

Die Großmütter saßen aufgeregt strickend beieinander, erzählten von früher, überschlugen sich in ihren Erinnerungen. Mit ihren Füßen schaukelten sie die Wiegen mit den schreienden Kindern, doch es störte sie nicht und sie riefen und lachten noch viel lauter.

Die Väter kamen jeden Tag aufgeregt von der Arbeit, suchten in Briefkästen und Zeitungen, doch fanden nichts. Fingen an zu bauen und zu werkeln bis es dunkel war und der Schlaf sie übermannte, schreckten hoch, meinten Geräusche gehört zu haben und lagen halbenächtelang wach, weil sie keine Ruhe fanden.

Da stand es eines morgens da, mitten auf der Hauptstraße. Die Autos fuhren drumherum, hupten ein oder zweimal ungeduldig, verärgerte, unruhige Autofahrer winkten, einige schimpfen bei hochgekurbelten Scheiben, dass ihre Münder sich wie die von Kois öffneten und schlossen und doch kein Laut zu hören war.

Die Frauen beim Einkauf schauten hinüber, tratschten hinter vorgehaltenen Händen, wickelten die Einkaufstaschen fester um die abgearbeiteten Hände, glotzten, redeten und auch wieder nicht. Und jedes „Haste schon gehört“ verstummte bei dem Anblick, der sich ihnen bot.

Die Kinder liefen schreiend und kreischend über die Wege, rissen sich von warmen Händen los, spielten fangen, trudelten, purzelten über und untereinander. Vergaßen das Weinen und schauten einfach mit offenen Augen und kleinen feuchten Mündern.

Und in der Mitte der Straße stand sie nun. Einige, die sie gesehen hatten, behaupteten hartnäckig, sie sei nackt und bloß gewesen, andere sprachen von Lumpen und wieder andere sahen hochwertige Stoffe, elegant verarbeitet ihren Körper umschmeicheln. Es wurden Fotos gemacht, doch später auf den Bildern war nur der Pulk Menschen zu sehen, der herbeigeströmt war, immer weiter dazu kam, bis die Straße schwarz von Menschen war und ich, der ich als einer der letzten davon hörte, sah nur Hüte und Kopftücher und fettige Haare und Hinterköpfe überall.

Am nächsten Tag stand es in der Zeitung,es hieß, sie sei endlich da und sogar vom Bürgermeister höchstpersönlichst begrüßt worden. Mit Handschlag und Orden gekrönt habe sie sich in das goldene Buch der Stadt eingetragen und dabei habe der ganze Ort vor dem Tor gejubelt.

Es war abzusehen, dass sie irgendwann den Weg zu uns finden würde. Ob ich darüber so glücklich bin, weiß ich noch nicht. Warten wir ab, was sie mitgebracht hat.

Die Zukunft.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Du beschreibst immer so anschaulich, liebe Alice, dass mir jedes mal beim Lesen fast der Atem stockt. 🙄
    Einfach wunderschön, Deinen Geschichten zu folgen. Danke für die kleinen Reisen. 🙂

    Liebe Grüße, Werner

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    1. Ich danke dir für deine lieben Worte 😊

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  2. Reiner sagt:

    Darum kann man sie auch nicht sehen.
    Zum Zeitpunkt des Betrachtens ist sie schon nicht mehr sie selbst …

    Guten Morgen 🙂

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    1. Genau😊😊😊 und für jeden ein wenig anders
      Guten Morgen
      Alice

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