Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten

ABC-Etüde – Drahtseilakt

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kritzelte Katha.

Die Stange fühlt sich gut an in ihren Händen, ausgewogen. Sie verlagert ihr Gewicht leicht nach vorn und berührt mit der rechten Fußspitze das Seil. „Stell dir einfach vor, du würdest auf der Bordsteinkante balancieren“, hatte Freddy immer gesagt. Der gute Freddy, zwei Wochen waren seit dem Unfall vergangen und nach der angemessenen Trauerfrist sollte der Zirkus heute wieder eröffnen – mit ihr auf dem Seil.

Wie verrückt hatte sie trainiert, nur nachts heimlich um ihren Mentor geweint und wegen der schmerzenden Füße. Hatte die Druckstellen vom Seil getaped, abends die Blutflecken aus den weichen Ballettschuhen gewaschen. Und doch war sie unsicher, ob sie es konnte.

Für heute Abend hatte der Direktor die große neue Show angekündigt, jemanden von der Zeitung eingeladen, über seinen großen schwarzen Schnurrbart gestrichen dabei und allen versichert, dass sie noch viel besser sei als der jüngst tragisch verunfallte. Dabei hatte er theatralisch das Taschentuch gezückt und sich eine imaginäre Träne aus dem Augenwinkel gewischt. Dabei hatte mit seinen gelben Katzenaugen zum Reporter geblinzelt, ob er auch ausreichende Wirkung erreichte.

Der Artikel hatte in der Wochenendbeilage gestanden. Alle lasen ihn, nur in ihrem Wohnwagen lag er noch zusammengefaltet zusammen mit der Todesanzeige von Freddy.

Sie war schon aufgetreten, zusammen mit Freddy, hatte auch schon vor Publikum ein oder zwei Bahnen auf dem Seil zurückgelegt, aber die Kunststücke, der Spagat, die Wende, das hatte sie noch nie vorgeführt. Es ist kurios, überlegt sie, dass sie noch nie solche Schwierigkeiten mit dem Seil hatte wie jetzt. Immer hatte sie sich sicher gefühlt.

Sie belastet den rechten Fuß und schiebt sich langsam nach vorne. Rücken gerade, Kopf hoch, hört sie seine Stimme in ihrem Kopf. Sie zieht den linken Fuß nach und macht zwei Schritte auf dem Seil. Dann lässt sie sich langsam in den Spagat gleiten.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

7 Kommentare zu „ABC-Etüde – Drahtseilakt

  1. Neee, ich finde es völlig normal, dass ihr Kopf jetzt spinnt, wie denn auch nicht, bei der Vorgeschichte? Hoffentlich ist sie Profi genug, dass sie jetzt im entscheidenden Moment den Körper seine Arbeit tun lassen kann, nach der ganzen Überei sollte der wissen, wie es geht.
    (Iiiih, Seil, so hoch, dass man dabei tödlich verunfallen kann, das wäre nichts für mich! Aber faszinierend zu sehen ist es schon.)
    Liebe Grüße und danke!
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

  2. Nie verzweifeln, immer mutig voran! Wie heißt es so schön: den Mutigen belohnt das Leben. Und in diesem Fall: ist ein Dankeschön an den verunglückten Lehrer.

    Ja, das Zirkusleben ist anspruchsvoll. Die Verwandtschaft meiner so-gut-wie Schwiegertochter betreibt aktuell in NRW immer noch einen kleinen Zirkus: Zirkus Renz. Ein hartes und entbehrungsreiches Leben, zu dem man geboren sein muss.
    Ich habe große Achtung vor diesen (Lebens-)Kuenstlern!

    Gefällt 3 Personen

  3. Schon immer habe ich Seiltanzend und Trapezkünstler*innen bewundert. So freue ich mich, dass du ihnen einen Etüde gewidmet hast! Du hast sie so spannend geschrieben, noch immer bange ich um die Seiltänzerin. Mit dieser Geschichte im Hinterkopf wird sie alle Konzentration benötigen.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  4. Spannende Gedanken. Ich fand Zirkusleben schon immer anziehend, das Umherziehen, die Aufregung und die Ästhetik. Aber nun ja hinter den Kulissen, sieht es dann doch oftmals anders aus. Btw finde ich, hast du Katzenauge sehr kreativ eingebunden. 😉
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

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