Tag 118/365 – Die Fliege

Wie immer ist sie die erste, die wach ist. Das Haus schläft, so sagt man wohl. Selbst die Hunde haben keine Lust aufzustehen. Sie setzt Kaffee auf, schnappt sich ihr Tablet und geht ihre Mails durch. Nur Werbung und ein paar Spams. Die fünf Uhren, die sie nebeneinander hängte, ticken fast im Chor. Für einen Moment versucht sie, herauszuhören, welche von ihnen, den Takt nicht halten kann. Es klingt fast wie ein Herzschlag, stellt sie fest und überlegt, wo das Herz eines Hauses ist. Als sie allein lebte vor langer Zeit, hat sie die Stille gefürchtet. Da liefen Radio oder Fernseher rund um die Uhr. Gut, dass es damals noch kein Internet gab. Sie hätte sich in ihm verloren.

Enttäuscht stellt sie fest, dass ihre Geburtstagsblumen verwelkt sind. Sie schmeißt den großen Strauß in die Tonne und blickt aus dem Fenster. Im Hintergrund röchelt die Kaffeemaschine. Klingt wie ein tiefer Atemzug. Sie gießt Kaffee in ihre Lieblingstasse, die große, füllt mit Milch auf und setzt sich.

Sie denkt

Wie sind aus den Höhlen, in denen wir einst hausten, Häuser geworden? Warum haben wir verschiedene Räume für verschiedene Tätigkeiten? Wer hat sich das ausgedacht? Wer hat als erster der Küche eine Tür gegeben, warum haben Räume überhaupt Türen? Das Öffnen und Schließen macht Lärm. Sperre ich was ein, oder was aus? Warum steht der Fernseher im Wohnzimmer und nicht in der Küche, wo ich viel häufiger bin? Warum muss ich Entscheidungen treffen, was ich gerade tun möchte und mich in ein Zimmer einschließen, um es zu tun? Wer hat einst beschlossen, dass ich nur im Schlafzimmer schlafen darf? Wer erfand die Fensterscheiben und gab vor, wie oft sie geputzt werden müssen? Wer beschloss, dass Kinder eigene Zimmer haben müssen? Wer braucht da Ruhe vor wem? Wände sperren mich ein, Strukturen begrenzen meine Gedanken, Vorgegebenes reduziert mich. Warum wundert sich niemand, dass das Leben so eingerichtet ist, wie es ist? Warum beengen sich die meisten mit dem, was man tut oder eben auch nicht und fragt noch nicht mal nach dem Grund? Warum leben wir wie alle anderen, richten uns ein in diesem Schema und denken nicht einen Augenblick darüber nach, ob es nicht auch anders sein könnte?

Die erste Tasse Kaffee ist leer. Sie holt sich eine zweite und verjagt die Fliege, die hartnäckig um ihren Kopf kreist, mit einer ärgerlichen Handbewegung.

Alice

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Reiner sagt:

    Unsere Türen sind immer offen. Katzen hassen geschlossene Türen 😉 Lediglich die Klotür wird verriegelt – wenn Besuch da ist.

    Sonst so?
    Auf oder im Kopf – sie sind lästig 🙂
    Guten Morgen.

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    1. Da hat also doch jemand meine Lieblingsband erraten 🙂 Einen guten Morgen dir , Alice

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      1. Reiner sagt:

        Die haben mich mein halbes Leben lang begleitet …

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      2. Mich auch, tun sie immer noch. Das Rotzige verschwindet langsam, dafür werden die Texte tiefgründiger. Singen kann Campino immer noch nicht 🙂 Lieben Gruß

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      3. Reiner sagt:

        Nö, kanner nich.
        Macht nix 🙂

        Gefällt 2 Personen

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