Gutenachtgedanken – Die wahre Geschichte

Für Werner, der es gerne genau wissen möchte.

Müde wischt sie sich über ihr Gesicht. Seit heute Morgen sitzt sie in ihrem kleinen Kiosk und bisher war noch kein Kunde da. Gestern war es nicht anders. Und am Tag vorher auch nicht. Eigentlich kann sie sich an gar keinen Kunden im letzten Monat erinnern. Davor war so ein komischer Prinz da auf seinem schwarzen Pferd. Der hat zwar nichts von ihrer Spezialität gekauft, aber wenigstens einen Coffee-to-ride.

Zum zehnten Mal an diesem Tag rückt sie die Auslage zurecht. Lebkuchen, verschiedene Variationen, glasiert, mit Mandeln und natürlich mit Schokolade. Wobei sie überlegt, die aus dem Sortiment zu nehmen. Die Kakaoglasur schmilzt an warmen Tagen und dann kann sie alles wegwerfen. Der Rest ist zumindest haltbar.

Es knackt im Unterholz, dann fliegt ein Stein in ihre Richtung, zerschlägt eines der Zuckerfenster und landet im Kaffeetopf. Fluchend steht sie auf und peilt über die Lichtung. Durch das hohe Gras sieht sie zwei Köpfe auf sie zueilen, brüllend und kreischend.

„Kinder“, denkt sie und „Warum tue ich mir das an?“

Kurz vor ihrer Tür bremsen die beiden Kleinen und grinsen sie frech an. „Ey Alte, lass mal was rüberwachsen!“grinst der Bengel sie an. Und die Kleine nölt „Aber nix von dem alten Zeug, ich will Schokolade!“ Mühsam ringt sie um Fassung, setzt ihr bestes Verkäuferinnengrinsen auf und fragt einigermaßen höflich: „Könnt ihr denn bezahlen?“

„Brauch ich nicht, Alte, ich hab das hier!“ brüllt der Junge und holt eine Handvoll Steine aus der Tasche. Er nimmt den dicksten und zielt in Richtung der kunstvoll bunten Zuckerfenster über ihrer Tür.

„Was soll ich euch einpacken?“ seufzt sie und nimmt eine kleine Papiertüte vom Stapel. Die Kleine kommt ganz nahe und zeigt auf verschiedene Leckerein. Sie reicht die gefüllte Tüte über die Theke und schaut erwartungsvoll den Jungen an, der immer noch mit dem Stein in der Hand da steht, diabolisch grinst und wartet. Ihre Blicke treffen sich und er flüstert: „Ich will Kohle!“

Sie schluckt. Das mühsam Ersparte will sie nicht hergeben. Das soll für ihre Auswanderung in eine wärmere Gegend reichen, wenn sie den Laden hier dichtmacht. Ihre Gedanken fliegen. Verwehrt sie es ihm, haut er ihr den ganzen Laden zusammen. Gibt sie es ab, ist nichts mit einem warmsonnigen Lebensabend, dann darf sie hier bis in alle Ewigkeit schuften. Da kommt ihr ein Gedanke.

Laut seufzend sagt sie:“Ich hole das Geld. Es ist hinterm Haus.“ Der Junge richtet sich auf, grinst siegesgewiss. Doch auf einmal blitzen seine Augen auf. „Du willst uns wohl bescheißen, dich mit dem Schotter hinten raus vom Acker machen, wir kommen mit.“ Wie zur Bekräftigung nickt die Kleine, die ein wenig dumm zu sein scheint und inzwischen die halbe Tüte leer gefuttert hat. Er zuckt mit dem Kinn, gibt ihr vor, sie solle voran gehen. Er folgt mit dem dicken Stein in der Hand, seine Schwester, Kuchenkrümel aus der inzwischen leeren Tüte lutschend, hinterher.

Sie führt die beiden hinter die Hütte und bleibt vor einem kleinen Verschlag stehen. „Da drin ist eine Schatulle mit dem Geld“, sagt sie und wie erwartet ist die Gier mal wieder größer als der Verstand und beide kriechen hinein. Mit einem Schwung ist die Tür zu, der Riegel vorgelegt.

Sie schreien Zeter und Mordio, doch hier draußen hört sie keiner. Da sie sowieso recht schwerhörig ist, stört sie das Gebrüll auch wenig.

Nachdem die beiden eingesperrt sind, setzt sie sich an ihren Stand und überlegt, was weiter zu tun ist. Da fällt ihr ein, dass der Hofmarschall alle sechs Wochen bei ihr Halt macht. Dem könnte sie die verzogenen Blagen aufs Auge drücken. Also hält sie die beiden in dem Verschlag, füttert sie mit hartgewordenem Lebkuchen und wartet.

Endlich hört sie Hufgetrappel und der erwartete Gesetzeshüter hält vor ihrem Stand. Wie üblich nimmt er einen Kaffee und Einiges aus ihrem Sortiment. Als sie ihm die Sachlage schildert, lacht er. „Nach den beiden suchen wir schon seit drei Wochen. Sie sind mal wieder aus der Betreuung ausgebüxt, erfinden dauernd hanebüchene Geschichten. Ich nehme Jakob und Wilhelmine mit. Ich verspreche, wir werden ein Auge auf sie haben. Das wird ihnen hoffentlich eine Lehre gewesen sein.“

Tage später kann man die Ausrufer eine grauenvolle Geschichte erzählen hören, von einer Hexe, die im Wald lebt und kleine Kinder frisst.

Als sie es hört, lacht sie laut, schnappt ihr Geld und fliegt mit ihrem Besen in Richtung Süden. Sicherheitshalber hat sie noch ein paar Knochen unter die Asche des Backofens gemischt.

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Reiner sagt:

    Genau so war das 🙂

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    1. klar 🙂 Hab ich ja selbst aufgeschrieben… Lieben Gruß

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  2. Katharina sagt:

    Sehr schön. Bin mal gespannt, ob du für noch mehr Märchen die wahren Hintergründe erzählst.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

    1. Es gäbe da reichlich zu tun 🙂

      Gefällt 1 Person

  3. Ich habe es doch gewusst geahnt! Die arme alte Frau! 😥
    Von den verwöhnten Rattenkindern so gequält zu werden! Pfui! 😐
    Aber dank Deiner Recherche ist ja noch mal alles gut ausgegangen. 🙂
    Wer weiß, was meine Eltern mir noch alles für Blödsinn erzählt haben… Wahrscheinlich stimmt die Sache mit dem Storch ja auch nicht. 😦

    Liebe Grüße, Werner

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    1. Möglicherweise… bist du wirklich sicher, dass ich da mal nachhaken soll? Lieben Gruß, Alice

      Gefällt 2 Personen

      1. Ach, Du liebe, gute Alice! Das kann ich ja gar nicht verlangen von Dir! 😀

        Liebe Grüße, Werner

        Gefällt 2 Personen

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