Veröffentlicht in AnthoAlice

AnthoAlice – Prinzessin

Zur Blogparade bei mir. Thema sind „Erinnerungen“.

Ich wuchs am Niederrhein auf und auch, wenn ich dem Münsterland landschaftlich einiges abgewinnen kann, für mich ist es Deutschlands schönster Landstrich. Das liegt natürlich daran, dass es so vertraut ist. Aber das reicht mir für eine Bewertung, es ist ja nur meine Meinung.

Abgesehen vom Sommerurlaub, für den wir alle zwei Jahre nach Österreich düsten, immer in dieselbe Pension im wunderschönen Oberösterreich, machten wir wenige Ausflüge. Jede gemeinschaftliche Aktion außer Haus war mit Stress verbunden. Meine Mutter war mit den Nerven fertig, schmierte Berge an Broten, die keiner aß, kochte literweise Kaffee, den nur sie trank und war schon Tage vorher durch den Wind. Spontan ging nicht bei uns, dann wäre alles eskaliert. Mein Vater war gerne unterwegs, konnte aber seinen Perfektionsanspruch selten mit der Realität in Einklang bringen. Wurde zusehends nervöser, weil wir Kinder noch nicht oder viel zu früh fertig waren, der alte Kadett noch zu betanken war, das Wetter schlecht werden sollte. Irgendwann explodierte auch er, schrie rum, sagte uns, wie Scheiße wir alle sind und verzog sich rauchend ins Wohnzimmer. Mutter weinte dann und schmierte weiter Butterbrote, die sie nicht salzen musste, weil sie voller Tränen waren. Mein Bruder und ich warteten dann verunsichert, was denn nun geschehen würde.

Zur geplanten Abfahrtszeit stand mein Vater dann in der Tür, raunzte uns an, dass wir jetzt doch endlich und wir fuhren los.

Einmal ging es zum Schloss Moyland, quasi um die Ecke. Damals hatte sich noch keine Organisation darum bemüht, dieses alte Wasserschloss zu restaurieren, es war eine Ruine. Ich erinnere mich an moosbewachsene Steine, hohe Zinnen, efeuberankte Mauern und die Hand meiner Mutter, die mich fest umklammend, mindestens mit zehn Meter Abstand vom Wassergraben fern hielt. Das Wetter war wie heute, kühl und bedeckt, die Sonne zeigte sich selten. Vom Wassergraben stieg leichter Nebel auf , alles war ein wenig düster, ein wenig verwunschen. Ich war begeistert. Ich stand vor einem echten Märchenschloss. Ganz sicher würde hinter diesen hohen dunklen Mauern Dornröschen schlafen. Und wenn dem nicht so wäre, würde ich dort einziehen, als Prinzessin dort leben.

Mein Vater lachte mich aus, nannte mich den Rest des Tages Pummelprinzessin und zog mir den Zahn mit dem Prinzen und dem weißen Pferd. Meine Mutter schwieg, was ich als Verrat empfand. Irgendwann fuhren wir nach Hause. Prinzessin wollte ich nicht mehr werden, auch nicht zu Karneval. Pirat wäre eine gute Idee, der trägt wenigstens einen Degen.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

13 Kommentare zu „AnthoAlice – Prinzessin

  1. So wird Phantasie missbraucht … wir hätten als Kinder ein gutes Team in Sachen Verträumtheit abgegeben. Ihnen gemeinsam und nachdrücklich erklärt, dass unsere Wirklichkeit ein Teil der großen Ganzen ist 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Traumvernichtungs-Sätze, die mir spontan einfallen:
    Ich möchte Kinderärztin werden und allen Kindern helfen – Du? Niemals! Du kannst doch kein Blut sehen. Man kann gar nicht allen helfen. Überlass das mal schön anderen.
    Ich will mindestens sechs Kinder haben – Krieg erst mal eins. Dann wirst du schon sehen, wie schrecklich das ist.

    Gefällt 2 Personen

      1. Mein Vater hat viel mitgemacht, im ersten Weltkrieg den Vater verloren, grausamen Stiefvater, wegeschickt zur Verwandschaft, Betrug durch erste große Liebe inkl. Annulierung der Ehe, zweiter Weltkrieg, zu Fuß nach Hause von Griechenland. Trotzdem nie gejammert, total offen und aufgeschlossen, lebensfroh. Nur bei Reisen machte ich die gleiche Erfahrung. Alles nach Plan und überpünktlich, unnachsichtig bei Verzögerungen.
        Meine Mutter hat vom Krieg in ihrem kleinen abgelegenen Dorf nicht viel mitbekommen. Es war immer genug zu essen da, Nachrichten gab es kaum und wenn, dann nur siegreiche vom Ausrufer. Doch sie war nie zufrieden, kalt, zu Höherem berufen, sich für alles zu schade, aber mit ständigen Ansprüchen an alle anderen.
        Schlechte Erfahrungen führen nicht immer zu Hartherzigkeit, gute nicht immer zu Anstand und Mitgefühl.

        Gefällt 3 Personen

  3. Das schlimme ist, dass den wenigsten bewusst ist, was so Sätze bei Kindern anrichten. Habe mal in einem Kaufhaus mitbekommen, dass eine 10jährige (?) meinte, sie wolle Model werden. Daraufhin meinte die Mutter, sie sei zu klein und dick dazu. Ich wollte am liebsten hingehen und die Dame schütteln. Ich finde zwar auch nicht das Model ein erstrebenswerter Beruf ist, aber ist ja nicht so als müsste man sich in dem Alter festlegen, aber Träume sollte man haben dürfen.
    Dann musst du halt jetzt Prinzessin werden! 😉
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

  4. Oh man, deine Erinnerungen, sind echt nichts für einen leichten Abend. Ich hatte immer die Vorstellung das Kinder mit Eltern es doch gut hätten. Du zerstörst diese Illusion mit jedem Wort. Es tut mir für die kleine Alice echt leid, auch wenn ich weiss was die große für großartige Gedanken haben kann. 😉Denn das sind zum Glück alte Erinnerungen und heute hast du wohl eine gewisse Distanz.

    Ich kenne es auch was gewisse Sätze in einem Kind anrichten und komme einfach nicht damit klar, dass andere deren Konsequenzen null verstehen..

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s