Veröffentlicht in AnthoAlice

AnthoAlice – Heile, Heile, Segen

Zur Blogparade bei mir. Thema sind Erinnerungen.

Als Kind bin ich oft auf die Nase gefallen, von Bäumen gestürzt, habe mir den Kopf an widerspenstigen Pfeilern blutig gekratzt und jedes gerade verheilte Knie bedurfte einer sofortigen Erneuerung der Schürfwunde. Eine gesunde Kindheit, sagt ihr jetzt? In den Siebzigern Kind gewesen zu sein, bedeutete Frischluft und Bewegung, rennen, klettern, toben.

Dass ich im Moment der Niederlage nicht so begeistert war, könnt ihr euch vorstellen. Jede Schramme wurde nach Hause getragen und verpflastert. Meine Oma Goch, die, die ich noch richtig erlebte, die aber ein alter Drachen war, hat mir dann immer vorgesungen. „Heile Heile Segen“ ging der Kinderreim. Das war nett von ihr, genauso wie der Spontankuchen, den sie zusammenrührte, wenn meine Eltern tanzen waren und ich bei ihr übernachtete. Der war fettig und schmeckte wie Keksteig, aber das war egal. Ihre sonst übel müffelnde Bude, duftete dann und ich fühlte mich fast wohl. Außerdem hat sie in einem Jahr all meine Puppen vor Weihnachten entführt – und das waren eine Menge. Sie hat jeder davon ein Häkelkleid beschert, eigenhändig gefertigt, angepasst und Heilgabend saßen sie dann alle in ihrem miefigen Wohnzimmer, auf dem Sofa aufgereiht. Da hatte ich sie fast lieb.

Als Kind dachte ich, dass der Mann, der bei ihr lebte, mein Opa wäre. War er aber nicht, deshalb hieß sie auch nicht wie ich. Ihr erster Mann war im Krieg gefallen, mit 26 Jahren im Kessel von Königsberg. Dass er für die Bösen kämpfte, habe ich ihm nie nachgetragen. Er starb früh, das sollte Strafe genug sein. So stand sie dann da, 29 Jahre alt, ein dreijähriges Kind an der Hand, ein berechnet knappes Erbe ihrer wohlhabenden Schwiegereltern in der anderen. Sie gab sich zufrieden, klagte nicht sondern baute in dem Trümmerfeld ein Haus für sich und ihren Sohn.

Und sie suchte sich eine Arbeit in der örtlichen Industrie, als es wieder was zu produzieren gab. Eine Firma für Kartoffelpüree und Babymilch stellte sie als Telefonistin ein. Ich kann sie mir gut vorstellen, wie sie die Strippen steckte, den einen Warten ließ, den anderen bevorzugte. Und das machte sie so gut, dass sie erst zweite, später erste Sekretärin des Chefs wurde. Sie gewöhnte sich einen Hang zum Vornehmen an, wäre gerne aus einem besseren Stall gekommen, nicht aus dem armen Haus mit dreizehn Geschwistern, die Eltern trinkend und verzweifelt. Dass einem Cousin von ihr ein Stolperstein gewidmet wurde, weil er so gar nicht in das Raster der Menschen damals passte, wohl homosexuell war, habe ich erst vor Kurzem durch Zufall erfahren. Das fehlende Vornehme wurde ihr auch bei der Eheschließung zum Verhängnis. Der Sohn aus reichem Hause, der sich das arme Mädchen nimmt, ist nur im Film ein hübsches Klischee. Es muss hart gewesen sein, so abgelehnt und nach dem Tod des Mannes mit einer kleinen Zuwendung aus allen Erbschaftsansprüchen herausgeschrieben zu werden.

Sie baute sich was auf, brachte den Jungen bei Verwandten unter und verlor sich dabei in ihrem Wahn, etwas Besseres sein zu wollen.

Ich glaube, sie hätte auch manchmal jemanden gebraucht, der sie in den Arm nimmt und für sie „Heile, Heile, Segen“ singt.

Alice

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Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

14 Kommentare zu „AnthoAlice – Heile, Heile, Segen

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