Veröffentlicht in Kurzgeschichten, Schreiben

ABC-Etüde – Osterfrühstück

Zu den Etüden bei Christiane, diesmal mit Worten von Veronika.

Eine geschlossene Apfelblütenknospe

„Muss das sein?“ Sie warf ihre Tasche auf den Rücksitz, ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und knallte die Tür heftiger zu, als es nötig gewesen wäre.

Er schob sich hinter das Lenkrad, atmete tief und sah sie lange an. „Du weißt doch, wie religiös meine Mutter ist. Ostern ist das wichtigste Familienfest für sie. Warte ab, vielleicht wird es ganz kurzweilig.“

„Zwei Tage! Und ich verzeihe dir nie, dass du meine Tulpen für sie abgeschnitten hast. Die Tulpenzwiebeln habe ich im Herbst für uns eingepflanzt.“ Wütend verschränkte sie die Arme vor der Brust und schaute starr geradeaus.

Er seufzte und startete den Motor. Die nächsten zwei Stunden herrschte eisiges Schweigen zwischen ihnen.

Seine Mutter stand vor der Tür, als sie ankamen. Winkend lief sie ihnen entgegen, riss die Fahrertür auf und umarmte ihren Sohn überschwänglich. „Wie schön, dass ihr da seid. Das wird ein ganz besonderes Fest. Oh, ich freu mich so.“

„Wo ist Vater?“, fragte er und die Mutter grinste geheimnisvoll. „Er ist zum Frühstück da.“

Der Abend verlief ruhig. Sie saßen nach dem Abendessen noch kurz beisammen, erzählten von den letzten Monaten und verabschiedeten sich früh ins Gästezimmer.

Das Osterfrühstück verlief traditionell opulent. Seine Mutter musste die ganze Nacht gekocht und gebacken haben, anders waren die Berge an Essen nicht zu erklären. Sie rannte zwischen den Kochplatten und der Kaffeemaschine hin und her, sah zunehmend irritiert auf die Uhr und schüttelte den Kopf. „Er sollte längst da sein.“

„Meinst du Vater?“, sagte er, „Wo ist er denn? Wir können doch anrufen, vielleicht steht er im Stau?“

„Nein, mein Hase“, lächelte die Mutter und für einen Moment blitzte etwas Fremdes in ihren Augen, „er ist oben. Karfreitag mittag gegen drei ist er gestorben. Jetzt wird es höchste Zeit, dass er aufersteht!“

Alice

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Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

12 Kommentare zu „ABC-Etüde – Osterfrühstück

  1. Mir entfuhr gerad ein lautes „Oh“. Wirklich überraschende Wendung. Ist die Frage, ob sie dement, eine Hexe oder einen psychischen Zusammenbruch hat…oder vielleicht gibt es einen Jesus 2.0.
    Grüße, Katharina.

    Gefällt 1 Person

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