Tag 90/365 – Ist das Kunst oder kann das weg?

Was Kunst alles kann, darf und wie weit sie gehen darf, ist heute wieder in aller Munde. Rammstein provoziert und halb Deutschland schreit empört auf. Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte findet schon in der Schule statt mit betroffenheitsschwangeren Besuchen an Eckpunkten der jüngeren deutschen Geschichte, mit Schweigeminuten, Jahrestagen, Kranzniederlegungen. Alles gut, alles wichtig. Das Ziel ist erreicht, wir schämen uns. Für das, was geschah, was die Generation unserer Großeltern tat, unterstützte, durchwinkte. Auch wenn sie starben, alles verloren, verwitwet, verwaist zurückblieben in einem Land, das sowohl praktisch als auch menschlich verbrannt schien.

Ich kann im Lied von Rammstein keine Scham finden, nur Wut. Wut über das, was nicht nur durch, sondern mit uns geschah. Eine Auseinandersetzung mit einem Land, was trotz Aufklärung offensichtlich immer noch nicht genug gelernt hat. In dem die Formalia entscheiden, ob etwas gut oder schlecht ist und nicht der Inhalt.

Ich muss mich hier jetzt nicht über den Rechtsruck auslassen, der durch unser Land geht, der ist allseits bekannt. Es soll darum gehen, was Kunst darf. Oder eben auch nicht.

Kunst ist etwas sehr persönliches für mich. Wenn ich es betrachte, höre, fühle, ist mir immer klar, dass es die rein subjektive Auseinandersetzung des Künstlers mit einem Thema ist. Und das ist nicht zwingend mein Weltbild. Viel mehr, als es jeder Berichtstext vermag, stößt Kunst mich mit der Nase auf fremde Blickwinkel, hebt mich über meinen Tellerrand empor, zwingt mich hinzusehen, nachzuvollziehen und zu verstehen.

Künstler sind in der Geschichte schon sehr oft in die kontroverse Diskussion gerutscht, Zensur würde angedroht, Werke verboten. Da sollten wieder Scheuklappen angelegt werden. Schaut nicht hin, das soll man nicht sehen, es ist…was? Gefährlich, schockierend, nackt, bloß, wahr?

Für mich – und da dürft ihr gerne anderer Meinung sein – darf Kunst erst einmal alles. Das ist das Vorrecht. Auch wenn manche Künstler sehr gut davon leben, ist Kunst ein Selbstzweck, ein innerer Ausdruck, der dargestellt werden muss, eine ganz persönliche Interpretation des Lebens. Und nur so bewerte ich sie.

Es gefällt mir nicht alles, manche Blickwinkel lehne ich ab, finde auch abstoßende und abgründige Gedanken. Aber das hindert mich nicht daran, es einfach stehen lassen zu können, vielleicht zu diskutieren, wie der Erschaffer dazu kam. Kunst muss frei von Zensur sein.

Für die, die lieber Heileweltlieder hören und sich Fotodrucke von Ikea an die Wand hängen mögen, mag das unbequem sein. Aber sie können ja wegsehen.

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. In allem stimme ich dir zu. Ein Aspekt darf hier aber nicht untern Tisch fallen: Wenn Kunst sich mit Kommerz verbindet, ist sie mindestens suspekt. Bildende Künstler können nicht verhindern, was der Kunstmarkt mit ihren Arbeiten macht. Das Rammsteinvideo ist jedoch PR für ein Album, weshalb man dem Video den Charakter von Kunst absprechen muss. Werbung ist keine Kunst. Außerdem stoßen sich viele Leute daran, dass die Gräuel deutscher Geschichte instrumentalisiert werden.

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    1. Du hast sicherlich recht, was Werbung, Kommerz und Kunst angeht. Aber muss ein Künstler unbedingt arm sein, darf er seine Werke nicht bewerben und verkaufen? Ich finde es fast unmöglich, da die Grenze zu ziehen. Sie ist fließend, wie so oft. Gräuel, ob jetzt der deutschen Geschichte, aus dem Leben eines Serienmörders oder sonst was, werden doch dauernd instrumentalisiert. Für mich ist die Art und Weise der Auseinandersetzung ein Indiz, ob ich es als Kunst wahrnehme oder nicht. Ein schwieriges Thema, stelle ich gerade wieder fest. Lieben Gruß Alice

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      1. Die Grenzziehung ist in der Tat schwierig. Als Musikalben noch Schallplatten waren, wurde die Covergestaltung oft als Kunst wahrgenommen, und in diesem Kontext sind Musikvideos oftmals Filmkunst – dann ist die Verbindung zweier Sparten das Gesamtkunstwerk. Als Gesamtkunstwerk ist das vorab veröffentlichte Rammstein-Video-Schnippsel nicht wahrgenommen worden, denn es war wohl gezielte Provokation zum Zwecke der Werbung. Natürlich dürfen alle Künstler für ihre Arbeiten werben. Doch wenn die Polyfunktionalität ein wichtiges Element von Kunst ist, verliert jeder zu Werbezwecken kalkulierter EInsatz den Kunstcharakter.
        Lieben Gruß,
        Jules

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  2. Ich kann Dir nur voll zustimmen. Und ich denke, Werbung für seine Kunst ist doch nur legitim, und dass man darin einige Highlights setzt, ist doch auch legitim. Die politischen Parteien setzen vor den Wahlen doch auch überzogene Highlights.

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