Veröffentlicht in Schreiben

Extra-Etüden – Der Fehlerteufel

Zu den Extra-Etüden bei Christiane mit Wortspenden von Natalie und Rina P. Dieses Mal zum Austoben auf 500 Wörtern mit 5 Begriffen. Genre und Textform egal.

Als sie vor Jahren den Sekretär von ihrer Großmutter erbte, fand sie, neben alten Federhaltern, vergilbtem Briefpapier und Fotografien , einen Brief, der an sie adressiert war. Er enthielt einen kleinen Schlüssel und einen Zettel mit den Worten „Benutze ihn mit Bedacht“. Kopfschüttelnd suchte sie das dazu passende Schlüsselloch. Doch der Schlüssel war für alle, die sie fand, einfach zu groß. Kurzerhand befestigte sie ihn an ihrer Halskette und beschloss die Suche auf später zu verschieben.

Nieselregen klopfte weich an die Fensterscheiben, als sie ihren Laptop in den Sekretär stellte. Sie musste an ihrer Diplomarbeit schreiben und fand den Gedanken wunderschön, es da zu tun, wo ihre Oma immer gesessen hatte, wenn sie Briefe schrieb.

Sie begann zu tippen. Doch heute gelang nichts, dauernd vertippte sie sich. Statt „Haus“ stand da auf einmal „Hand“, statt „Übermut“, „Überhang“, statt „Vereinbarung“, „Vereinigung“. Sie rief sich zur Ordnung, zwang sich langsamer und sorgfältiger zu schreiben, doch in jeden Satz, in jedes Wort schlichen sich weitere Fehler ein. Und was noch viel schlimmer war, ihre Korrekturen wiesen sofort andere, noch wildere Fehler auf. Irgendwoher schien ein leises Kichern zu kommen. Den Rechner runterfahrend, schüttelte sie den Kopf. Das war wohl kein Tag zum Arbeiten, am Ende wäre alles verdorben. Sie kramte stattdessen den Stapel alter Fotografien hervor und sah sie durch.

Auf den meisten war ihre Oma zu sehen, mal im Garten, mal vor der Haustür mit dem Nachbarn plaudernd. Auf dem letzten saß sie an diesem Sekretär. Ihre Oma schien mit etwas zu reden, das sie in ihrer rechten Hand hatte und sie lächelte.

Sie strengte ihre Augen an, doch sie konnte nicht erkennen, um was es sich handelte. Rasch kramte sie eine Lupe hervor. War das eine kleine Puppe in ihrer Hand? Es wirkte wie ein Gnom mit großem Kopf und sie meinte, Hörner zu erkennen. Und in der Rückwand des Sekretärs war ein offenes Fach zu sehen und darin eine Art Puppenstube. War ihre Oma senil gewesen?

Rasch löste sie die Kette von ihrem Nacken und nahm den kleinen Schlüssel in die Hand. Sie räumte alles aus dem Inneren des Sekretärs und da sah sie es. Eine angelehnte Klappe mit einem winzigen Schlüsselloch darin. Hinter der Klappe sah sie ein Bettchen und darauf die seltsame Gestalt von den Fotografien. Er grinste sie an: „Alice, wenn ich nicht irre? Ich bin dein persönlicher Fehlerteufel!“ Vor Staunen blieb ihr der Mund offen stehen. „Ich habe heute viel Spaß mit dir gehabt“, grinste das Teufelchen und zeigte kleine nadelspitze Zähne.

Sie schlug mit Schwung die Klappe zu und verschloss sie sorgfältig mit dem kleinen Schlüssel. Dann räumte sie alles wieder in den Sekretär und trat zwei Schritte zurück. Nie, nie wieder würde sie diese Klappe öffnen. Sie würde sie vergessen und den Schlüssel wegschmeißen.

Abends lag sie lange wach im Bett. Da hörte sie ein Nagen. Konnte er sich etwa durch das Holz beißen? Sie schauderte und betrachtete nachdenklich den kleinen Schlüssel.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

9 Kommentare zu „Extra-Etüden – Der Fehlerteufel

  1. Und wenn Sam Hawkens nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute und bringt seine Zwillingsschwester mit: gestatten, Autokorrektur! Man muss ja mit der Zeit gehen 😁
    Schön, gern gelesen, vielen Dank!
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 1 Person

  2. Mir ist übrigens aufgefallen, dass ich mich beim Schreiben auf Handy oder Tablet sehr auf die Textvorschläge verlasse. Beim „freien“ Schreiben stutze ich häufiger als früher und frage mich „Wie wird das noch geschrieben?!“
    Ja, die Fehlerteufel gehen mit der Zeit 😀

    Gefällt 1 Person

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