ABC-Etüde – Der Preis

Zu den Etüden bei Christiane. Die Wortspende kommt von der Geschichtszauberei und lautet : Café, beißen, verdorben.

Für die Verleihung wurde ein kleines Café ausgesucht. Der Veranstalter hatte sich verkalkuliert, denn alle Plätze waren besetzt und es kamen immer noch Leute. Rasch angeheuerte Hilfskräfte schleppten Stühle herbei und kochten Kaffee. Die schmale improvisierte Bühne wurde eng umlagert. Die lokale Tageszeitung hatte zwei Leute geschickt.

Er saß in der ersten Reihe und fühlte sich unwohl. Er wusste wohl, dass er für diesen Preis hoch gehandelt wurde. Die Menschen machten ihn nervös. Ihre Stimmen krabbelten durch seinen Kopf wie Ameisen. Er spürte es wie Jucken auf seiner Haut. Er trug seinen besten Anzug und hatte sogar seine Scheu vor dem Friseur überwunden. So saß er da, geschniegelt wie am ersten Schultag und schwitzte.

Die Veranstaltung begann mit einem kleinen Klavierstück. Es war schrecklich, sorgte aber dafür, dass das Stimmengewirr weitgehend verstummte. Der Veranstalter betrat die Bühne und begrüßte das Publikum. Er erklärte den Grund der Zusammenkunft als würde er vor Erstklässlern stehen und fand dann einige Worte zu der Geschichte des Preises.

Er wurde immer nervöser und nahm kleine Bissen von seinem Croissant, das er sich aus Verzweiflung geholt hatte, dass aber nun wie Kleister in seinem Mund klebte.

Der grausame Pianist spielte noch ein Stück, dann kam der Veranstalter zurück, diesmal in Begleitung einer Dame im Abendkleid. Sie rissen ein paar Witze, die niemand hören wollte und spielten mit dem pinkfarbenen Umschlag herum, den er mit den Augen fixierte.

Würde er gewinnen, wäre das ein perfekter Karriereschub. Würde er verlieren, wäre alles verdorben. Das Stück Teig klebte immer noch an seinem Gaumen als die Dame mit ihrem pinkfarbenen Fingernagel den Umschlag aufschlitzte.

Als sein Vorname fiel, sprang er schon auf, der Blätterteigklumpen rutschte in den falschen Hals und verkantete sich dort ungünstig.

In seinem Nachruf wurde nichts von dem Preis erwähnt.

Alice

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich sehe gerade eine Sendung über die Briten, so etwas wie diese Geschichte würde ich als britischen Humor bezeichnen

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    1. Ein fatales Ende würde zu ihrem Humor passen 🙂

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  2. Christiane sagt:

    In der Tat, ungünstig. Sehr fein ausgedrückt. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Pech muss man auch mal haben, oder?

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  3. Rina sagt:

    Oh nein – das Schicksal ist eine B****….Der Arme…
    Wieder sehr gut geschrieben
    Liebe Grüsse

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  4. Und die Moral von der Geschicht: iss keine Croissants bei der Verleihung nicht!

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  5. Katharina sagt:

    Man kann es auch positiv sehen: Er hat im Leben das erreicht, was er wollte. 😉
    Ich mag etwas dunkleren Humor, der ist so lebensnah.
    Grüße, Katharina

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