Veröffentlicht in 365 Tage, Mal über mich, Philosophisches, Psychokram

Tag 75/365 – Besserung

„Gute Besserung“ habe ich oft gehört in den letzten Wochen, als mich die Grippe im Griff hatte. Genauso häufig wünschte ich es auch. Ab und an gelobe ich Besserung, manchmal schaffe ich es, manchmal nicht. „Verbessere dich“, sage ich manchmal meinen Schülern, sie geben sich Mühe oder auch nicht. Manchmal schaffen sie es tatsächlich.

Wir wollen besser werden, gesünder, klüger, moralisch integer, geschickter. Unser altes, krankes, unvollkommenes Ich zurücklassen, umtauschen in eine perfektere Version unseres Selbst. Ein großer Auftrag, eine starke Herausforderung. Stagnation ist keine Alternative, gleichbedeutend mit schlecht und unvollkommen.

Auch ich möchte im Job, in meinen zahllosen Hobbys, beim Fotografieren, Malen, Schreiben besser werden, dafür übe ich, begutachte meine Werke und mich kritisch und setze hier und da die Feile an, richte ein wenig mit dem Hammer und bin am Ende doch nie zufrieden.

Wo vollkommene Gesundheit ein wünschenswertes Ziel ist, lösen die anderen Vorgaben manchmal einen unangenehmen Druck aus, selbst wenn es sich nur um Freizeitgestaltung handelt. Der Sportler möchte seine Rundenzeit verbessern und trainiert eisern, Schmerzen werden ignoriert, Gelenke manchmal überlastet.

Der Anspruch, den wir an uns stellen, stellt uns manchmal ein Bein. Aus gesundem Ehrgeiz wird Stress. Bleibt die Verbesserung dann noch aus, fühlen wir Versagen und, wenn es ganz schlimm kommt, sogar Scham.

Nicht gut genug, ungeschickt, dumm, steht dann im Raum und nimmt den Spaß, das Entspannte, das Freie.

Ich erlebe das oft, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich das gerne hätte. Wenn der Text einfach nicht gelingen will, die Fotografie nicht das zeigt, was ich fühlte, ich am Arbeitsplatz ratlos war oder einen Fehler machte.

Mich trifft das sehr hart, wurde ich als Kind doch auf Leistung konditioniert. Bist du gut, besser, fleißig, bist du liebenswert, Faulheit, Dummheit, Versagen wird durch Nichtachtung und demonstrative Enttäuschung sanktioniert, die Konsequenzen trage ich jetzt.

Wie viel schöner ist doch ein Bewusstsein, dass es gut genug ist. Ich gebe mein Bestes und das reicht. Auch und besonders, wenn es nicht perfekt ist. Verbesserung tritt automatisch ein, wenn ich etwas gerne tue, auch wenn ich nie Weltklasse werde. Stolz zu sein auf kleine Erfolge, lachen über Fehler, daraus lernen, aber kein Drama daraus machen, das wäre viel gesünder.

Dann müsste man vielleicht auch nicht ganz so oft “ Gute Besserung “ wünschen.

Alice

Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

4 Kommentare zu „Tag 75/365 – Besserung

  1. Und diesen antrainierten Leistungsdruck… damit ringe ich auch, er ist meist bloß ein Energiefresser oder gar Stolperstein. Selten hilft er, Ziele zu erreichen. Seit ich lerne, mich davon freizumachen, werde ich immer öfter erfüllter und mein tun eregiebiger

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