Veröffentlicht in Geschichten... auch ein bisschen länger, Kurzgeschichten, Schreiben

Far Far Away

Es war einmal und das ist schon eine ganze Weile her, da lebte in einem Wald ein junges Mädchen. Sie lebte nicht allein dort, nein, sie hatte sieben kleine Gefährten, die mit ihr zusammenlebten, sie versorgten und sie beschützten.

Nein. So war es nicht. Zumindest nicht genauso.

Schneewittchen war von zu Hause ausgerissen weil sie sich mit ihrer Stiefmutter um einen alten Spiegel gestritten hatte. Der war bei den Handgreiflichkeiten zu Bruch gegangen und das Mädchen hatte mit einer Scherbe nach der Königin, denn das war sie, geworfen. Die traf sie so ungünstig, dass seitdem eine große Narbe quer über ihr ansonsten hübsches Gesicht verlief. Wie zu vermuten war, war sie auf ihren angeheirateten Beifang nicht gut zu sprechen und schickte sogar ein Killerkommando los, um sie loszuwerden.

Schneewittchen konnte entkommen und fand sich auf einmal in einer idyllischen Landschaft wieder, die vom fröhlichen Gesang von sieben kleinen Männern durchzogen wurde.

Naja, also eigentlich war der Gesang wenig schön. Das Bergwerk, in dem sie früher schaffen gingen, war geschlossen worden und sie hatten seitdem ein kleines Alkoholproblem. Was sollten sie auch sonst im Wald mit ihrer Zeit anfangen. Abgesehen davon hatten sie keine Frauen. Also sie hatten keine Frauen mehr. Als sie ihren Job verloren, waren auch die Zwergenfrauen gegangen, hatten sich nach etwas besseren Lebensbedingungen umgesehen und hatten am Ende eine kleine Kommune gegründet, in der biologisches Gemüse angebaut und Tantra gelehrt wurde.

Die Zwerge wiederum versumpften in ihrer Männer-WG, in der es nach ungewaschenen Socken und schmutzigem Geschirr stank. Als sie also die kleine Prinzessin mit zerzausten Haaren eines mittags, als sie endlich erwachten, auf ihrem Sofa fanden, vermuteten sie ihre Gebete erhört. Sie erpressten das Mädchen zunächst mit der Auslieferung an Scarface, wie die Mutter nun genannt wurde, wenn sie nicht diverse Frondienste in dem Haus leisten würde.

Allem voran wünschten sie sich versorgt zu werden, wie sie es damals von ihren Frauen genießen durften.

Aber sie hatten die Rechnung ohne Schneewittchen gemacht. Sie fügte sich zunächst, wusch Unterhosen und Socken, fegte die Stube und entsorgte die leeren Bierkrüge. Nach wenigen Wochen begann sie aber zu nörgeln über die unmoderne Ausstattung der Hütte. So zogen die Zwerge los und schauten, was in der Gegend günstig zu bekommen war.

Frau Holle überließ ihnen Backofen, Kuh und Apfelbaum, da sie keine Lust mehr auf den Stress mit verzogenen Gören hätte. Ein Kobold verkaufte ihnen einen Staubsauger, den ihm ein Vertreter vor Jahren aufgeschwatzt hatte, für den er aber in Ermangelung von Strom keine Verwendung hatte. Den Topf voll Gold, den er dafür haben wollte, wollten sie später vorbei bringen. Von einem Geschwisterpärchen, beide übergewichtig und schwer diabeteskrank, bekamen sie neue Fensterscheiben. Dass die wohl nicht aus Glas waren, merkten sie erst als der dickste Zwerg daran leckte und nicht mehr aufhörte, bis sie zu Hause waren.

Zu guter Letzt fanden sie am Straßenrand einen unscheinbaren Topf, aus dem ununterbrochen Brei floss. Den steckten sie auch ein und eine breite Breispur hinter sich herziehen, ging es dann zurück zur Hütte.

Die Einkäufe erwiesen sich als etwas problematisch, was Schneewittchens Laune nicht gerade hob. Der Backofen wurde recht selten benutzt, die Zwerge aßen lieber den Brei. Da er unausgelastet war und gewohnt von hübschen Mädchen leer geräumt zu werden, simulierte er gebackene Brote und fing zu Unzeiten an zu jammern, dass alles nun doch fertig gebacken sei und er doch bitte endlich ausgeräumt werden sollte. Ähnlich verhielt es sich mit dem Apfelbaum, der schon zur Blütezeit geschüttelt werden wollte. Überkam es ihn, klagte er auch lautstark mitten in der Nacht.

Die Kuh wollte dauernd gemolken werden, verstummte aber, nachdem ihr ein Zwerg, der seine Triebe nicht unter Kontrolle hatte, zu viel am Euter rumgespielt hatte.

Der Koboldstaubsauger war der Favourit der Zwerge. Da Schneewittchen sich standhaft weigerte, ihre Dienstleistungen auf die Nacht auszudehnen, wurde er intensiv genutzt. Leider gab es aufgrund eines Konstruktionsfehlers mit dem bestgebauten Zwerg einen verhängnisvollen Unfall. Der Zwerg hieß seitdem Ohnemütz und ertränkte seinen Kummer in Brei.

Schneewittchen aber hatte irgendwann die Nase voll von der Hausarbeit und überlegte sich einen finsteren Plan. Sie gab vor, ihre Stiefmutter hätte sie aufgespürt, zeigte paranoide Züge und simulierte am Ende ihren Tod. Die Zwerge bahrten sie auf einem Berg auf und kehrten zurück zu ihrem Lotterleben. Da keiner kochen könnte, war der breikochende Topf ihr einziges Nahrungsmittel. Sie starben wenige Jahre später an der einseitigen Ernährung.

Schneewittchen aber hatte sich bald vom Berg runter gestohlen und war mit dem nächstbesten Hippie durchgebrannt. Man sagt, man habe sie in Hollywood gesehen, wo sie nach ihrer Karriere bei Disney, Staubsauger und breikochende Töpfe an der Haustür verkaufte.

Und wenn sie nicht gestorben ist… na, ihr wisst schon.

Alice

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Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

5 Kommentare zu „Far Far Away

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