Tag 54/365 – Abschließen

Ein Kollege ist gerade Vater geworden. Habe es mit Zeitverzögerung über die sozialen Medien mitbekommen, ist man krank Zuhause, dreht sich die Welt da draußen weiter. Ich sehe das Bild des Würmchens und denke „Ooooh, wie süß, war das toll, sind die klasse, die riechen so gut, würde hätte wollte gerne nochmal.“

Geht nicht. Der Zug ist abgefahren, die Natur hat dem einen Riegel vorgeschoben. Und wenn ich in meiner Begeisterung für einen Moment innehalte, weiß ich auch, dass das sehr gut und richtig ist. Ich habe vier Kinder und die sind mittlerweile groß, übrigens deutlich größer als ich, was aber auch keine Kunst ist. Die können alleine aufs Klo, duschen, sich was zu essen machen, zur Schule und zur Uni und wieder zurück. Sie fangen an, ihr Leben auf eigenen Füßen zu meistern. Und das ist klasse. Ich stehe im Hintergrund und passe ein wenig auf, gebe Hilfestellung und freue mich. Ich freue mich, wenn sie gute Klausuren schreiben ( an deren Erfolg ich absolut keinen Anteil habe, weder Linguistik noch Informatik sind meins), ich freue mich, wenn sie mit Kumpels um die Häuser ziehen ( und zuverlässig pünktlich und sicher zu Hause sind), ich freue mich, wenn ich mal krank sein kann und nicht direkt alles zusammenbricht oder ich mit 40 Fieber noch Windeln wechseln muss.

Babys zu bekommen, schwanger zu sein, diese erste Zeit, das hatte was unglaublich magisches. Es war eine weiche , warme, verzauberte Zeit, dieses neue kleine Wesen kennenlernen zu dürfen, mit ihm die Welt neu zu entdecken, vieles durch seine Augen das erste mal zu sehen. Und es war auch eine anstrengende Zeit, die durchwachten Nächte, die Sorgen, die Furcht, dass diesem kleinen Kerl irgendetwas Schlimmes passieren könnte ( die geht nie ganz weg, sie wird nur erträglicher).

Ich kann und ich will keine Babys mehr bekommen, keinen anderen Schulabschluss mehr machen, keinen anderen Beruf lernen, kein neuer Mensch werden.

Ich schrieb gestern über die 80er, die waren toll für mich – meistens – da war vieles neu und die Welt stand mir offen. Es fühlte sich zumindest so an.

Ich vergleiche das Leben gerne mit einem langen Gang, links und rechts sind Türen. Am Beginn des Ganges steht die Geburt, am Ende der Tod. Einzelne Türen sind geöffnet, keine für immer. Ich gehe an den offenen Türen vorbei und kann mich entscheiden hindurchzugehen. Wage ich es, taucht ein neuer Gang auf, der mir neue, andere Möglichkeiten bietet. Ein Labyrinth quasi, ihr versteht. Jede Entscheidung, die ich treffe und traf öffnet und schließt neue Türen.

Einige von ihnen bin ich blind durchschritten, habe mir ordentlich Füße und Herz verbrannt, einige Wege waren richtig, andere falsch. Blicke ich zurück, sehe ich einen gewundenen Gang mit vielen verschlossenen Türen an den Seiten. Die Schlüssel dazu sind abgebrochen. Sie hängen mit vielen anderen intakten an einem großen Schlüsselbund, der an meinem Gürtel baumelt.

Da, wo ich jetzt stehe, bin ich richtig. All die Wege, die ich ging, haben aus mir das gemacht, was ich heute bin. Ich lese manchmal, wie Menschen beklagen, dass doch diese oder jene Entscheidung in der Vergangenheit besser gewesen wäre. Dass ihr Leben doch so ganz anders, reicher, wertvoller hätte sein können, wenn sie damals getan, gemacht, gewollt, nein, ja, vielleicht gesagt hätten. Stimmt – und nicht nur wahrscheinlich. Es wäre anders gewesen, vielleicht sogar besser, sie werden es nie erfahren.

Auch ich hatte eine Phase, in der ich mit meinem Leben haderte, alte Entscheidungen verdammte und mir wünschte, mehr zu mir gestanden zu haben. Aber die Türen sind zu. Und wenn ich nur nach hinten blicke und weine und mit meinem Schicksal hadere, verliere ich den Blick auf die offenen Türen, die Chancen, die Versprechen, die Möglichkeiten.

Ich habe nicht Grafik/Design studiert, sondern Maschinenbau, weil man mich dazu drängte. Ich bin keine freischaffende Künstlerin geworden, sondern Lehrerin. Ich reise nicht um die Welt sondern lebe mit Kindern, Mann und Hunden relativ spießig in einer Kleinstadt. Mein Leben ist safe und es ist gut. An diesem Status kann und will ich nichts ändern.

Schaue ich nach vorne, sehe ich kein Designstudium, aber ich sehe vielleicht ein Buch, das ich schreibe oder Kurse in einem meiner zahlreichen Hobbys, die ich weiter vermitteln kann. Ich sehe Texte, Bilder, Fotografien, meinen Garten, die Hunde, meine Familie. Ich gebe zu, dass manches einfacher gelaufen wäre, hätte ich die Weichen anders gestellt. Aber dann wäre ich nicht ich geworden.

Alice

9 Kommentare Gib deinen ab

  1. Guten Morgen Alice,
    Dein Artikel war der erste heute morgen, alle sonst schlafen noch, ich habe mir einen Kaffee gemacht und habe etwas in WordPress geschrieben, dann gelesen…. was mich als einziges beengt hat, ich mich unwohl fühlte, war meine Visualisierung von „Gang“! Zu eng, Wände, Gänge, eine Decke.
    Ich meine zu wissen, wie Du es meinst, doch ich ersetze hier „Gang“ aus eigenem Empfinden mit „Weg in der Natur“ , Türen mit Abzweigungen, verschlossene Türen mit Hindernissen, die mich in eine andere Richtung bringen, usw. Klar, liegt bei jedem selbst, nur als Gedanke wollte ich es Dir mitteilen und damit danke sagen für die Vesinnbildlichung eines möglichen Weges. 😊 Freundliche Grüße vom Mittelrhein, Olaf 🙋

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Olaf, schön, dass du meinen Text gelesen hast und danke für die Gedanken dazu. Ich wählte den engen Gang ganz bewusst da ich nicht weiß, was mich hinter den Türen erwartet. Der freie Blick, die bewusste Entscheidung mit einem Abschätzen der Konsequenzen, die hatte ich leider nie. Sonst wäre manches sicher anders gelaufen. Ich mag das Bild, das du da zeichnest, sehr gerne, freie Wege auf einem großen Feld, Licht, Luft, bewusstes Gehen. Ich stimme dir zu, dass die Sicht mit zunehmendem Alter besser wird, die Erfahrung lehrt, was mich erwartet, die Türen bekommen Fenster 😊. Beengt fühle ich mich manchmal trotzdem, mein Wille ist nicht so frei, wie ich ihn gerne hätte. Ich wünsche dir ein tolles Wochenende, hier im Münsterland krabbelt die Sonne über den Horizont. Liebe Grüße, Alice

      Gefällt 2 Personen

      1. Danke für Deine Antwort, Alice, und ja, auch der Weg in der Natur hat natürlich Waldwege durch Dickicht… 😊 Manchmal denke ich, dass es (sehr) viel mit dem Elternhaus (Geborgenheit, Sicherheit und Vertrauen) zu tun hat, ob man als Kind in der Phase der Entdeckung der Welt jenseits der allwissenden Götter (=Eltern in der Zeit des Kleinkind-Seins) seinen Weg frei erkunden kann. Wie Du sagst, heute sieht man viel weiter, aus Erfahrung, man kann die Folgen abschätzen und folgerichtige Vermutungen anstellen, und ich schätze sehr, dass wir als Kinder eine gewisse Freiheit (niemals ohne Orientierung in Form von Regeln) hatten zu erkunden, denn ich sehe (wie Du als Lehrerin bestimmt auch), wie viele Chancen zu vielen jungen Menschen verwehrt werden. (Dafür muss man nicht nach Panama reisen!)
        Liebe Grüße ins Münsterland, (warst Ducauch schon im Dümmer schwimmen (wo er tief genug ist😉)) Olaf

        Gefällt 1 Person

  2. Reiner sagt:

    Guten Morgen Alice,

    mir gefällt das Gleichnis mit den Gängen, manchmal auch Labyrinthen und den Türen. Selbst vergleiche ich mein Leben gerne mit bewegtem Wasser – das, wenn es jung ist, eine Menge Unberechenbarkeit in sich trägt, bevor es sich später dann mit anderen zu einem großen Strom vereint. Sich eines Tages in`s Meer ergießt, in die große Ursuppe, aus der wir alle stammen.

    So Bilder .. Türen, Schlösser, Schlüssel …
    Vielleicht hast Du die Matrix-Trilogie gesehen.
    Dann kennst Du den hier 🙂
    https://vignette.wikia.nocookie.net/heroesvillains/images/8/8c/The_Keymaker.jpg/revision/latest?cb=20170131115357

    Grüße !

    Gefällt 2 Personen

    1. Guten Morgen, Reiner. Das Bild mit dem bewegten Wasser gefällt mir auch sehr gut. Ich glaube, jeder hat da sein eigenes Gleichnis, mit dem er arbeitet. Den Keymaker kenne ich natürlich, aber die Schlüssel kannte ich schon bevor ich Matrix sah. Hab ein schönes Wochenende, liebe Grüße, Alice

      Gefällt 1 Person

  3. wildgans sagt:

    Das war mein „Nährartikel“ fürs Wochenende. Dankeschön.
    Alles gut nachzuempfinden.
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Sonja, dir ein schönes Wochenende, liebe Grüße, Alice

      Gefällt 1 Person

  4. Alles hat seine Zeit. Man kann und ich denke zum Glück, nicht zurückgehen . Ich hadere auch manchmal mit der Tür durch die ich ging oder gehen musste, aber wenn ich mir mein Leben jetzt ansehe muss ich sagen es ist GUT.

    Gefällt 1 Person

    1. Und genau das ist wichtig!!! Hab ein schönes Wochenende 😊

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s