Tag 44/365 – Verstehste?

Oder kannst du nicht?

Gestern fiel mir, als ich auf der Suche nach einem knackig kurzen Zitat für ein bisschen Zeichenübung, dieser Spruch von Goethe vor die Füße. Erst fand ich ihn ganz passend, weil ich ihn auf eine DIN A5 -Seite bekommen würde, aber während ich so malte und die passenden Plätze für die Buchstaben suchte, krabbelte er in mein Hirn und ließ mich nachdenklich zurück.

Ich musste an die Frau Birkenbihl denken, deren Bücher ich gerne studiert habe und die mit ihren Filtern, die jeder über Gehörtes legt, die Sache gut beschrieben hat. Wenn ich mit meinem Mann streite, was ich gerne und ausgiebig zelebriere, ist die Ursache meist darin zu suchen, dass er etwas sagt – oder alternativ ich – und ich – oder alternativ er – gleicht das Gehörte mit seinen Erfahrungen ab. Und da wir die meiste Zeit unseres Lebens nicht miteinander verbracht haben, sind unsere Erfahrungen auch sehr unterschiedlich. Ein perfekter Nährboden für Missverständnisse. Und wenn das vermeintlich Verstandene auf alte Verletzungen zurückgeht, BÄM, haben wir Krach. Zugegeben, es wird besser, wir lernen die Klippen zu umschiffen und so zu formulieren, dass es verständlich ist. Aber am Anfang der Beziehung war das manchmal richtig aufreibend.

Ich kann nur mit dem, was ich kenne, was ich erfahren, gelernt, für mich als Wahrheit angenommen habe, arbeiten. Ich höre Worte, sehe Gesten, Mienenspiel und deute es auf dieser Basis.

Es ist fast wie die Misheard Lyrics von Coldmirror die eine Weile bei YouTube sehr populär waren ( wer sie nicht kennt, sucht mal was davon raus, sehr unterhaltsam). Höre ich mir ein italienisches, türkisches, englisches Lied an, gibt es immer wieder Textabschnitte für mich, die „deutsch“ und damit für mich verständlich klingen. (Je fremder die Sprache, umso einfacher) Ich höre Begriffe und Zusammenhänge, die nichts mit dem Originaltext und dem Thema des Liedes zu tun haben, aber sie sind vertraut, sie sind meine Sprache, mit ihnen kann ich was anfangen.

Wenn Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen aufeinandertreffen, sprechen sie im schlimmsten Fall „verschiedene“ Sprachen. Das Gehirn des Gegenübers versucht Vertrautes heraus zu filtern, wie bei den Musikstücken und interpretiert es so, dass es für den Zuhörer Sinn ergibt. Misheards vorprogrammiert.

Je älter ich werde und je mehr Lebenserfahrung ich sammle, umso leichter fällt mir das Verstehen und das Einstellen auf die Erfahrungswelt meines Gegenübers.

Ist wohl – wie das Handlettering – Übungssache.

Ich wünsche Euch einen schönen Tag ohne Missverständnisse.

Alice

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Reiner sagt:

    Vertraut …
    Dir auch einen guten Tag!

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    1. Kennen wir wohl alle… Liebe Grüße, Alice

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  2. Danke für deinen Anstoß,

    wie oft vergesse ich, meine Mokassins auszuziehen und dann die „Zwei Meilen“ mit meinem Gegenüber zu laufen, in die gleiche Richtung, um mehr zu erkennen, als mir anfänglich lieb ist.

    Leider laufen so viele weg, wenn ich meine Mokassins ausziehe! Vielleicht sollte ich immer eine Wäscheklammer griffbereit haben…

    Liebe Grüße,
    Raffa.

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    1. Pack vorher Deoeinlegesohlen rein…. dann klappt’s auch mit den zwei Meilen ohne Klammer 🤣 Liebe Grüße, Alice

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      1. Na, ob das PC-like und nicht ein Verbrechen gegen die Umwelt ist? – dann doch lieber „old-fashioned“(;-)

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  3. Zum Verhören in fremdsprachigen Songs findest du bei YouTube unter „Agate Bauer“ ganze Geschichten. Gruselig ist higegen die Sage vom deutschen Pink-Floyd-Tontechniker Peter Fischer. Er hatte „The Wall“ in einer Nacht abgemischt und verschwand danach spurlos. Einige Tage später wurde er erhängt auf seinem Dachboden gefunden. Auf „The Wall“ singt der Kinderchor statt „All in all it’s just another brick in the wall“ den Satz: „Hol ihn, hol ihn unters Dach.“

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    1. Hi Jules, das mit Agathe Bauer kenne ich auch, ging mal durch diverse Radiosender. Die Geschichte mit Peter Fischer war mir neu. Das ist allerdings wirklich gruselig… Danke dir, Alice

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