Tag 38/365 – Stimmlos

Schrei, wenn du kannst…

Abgesehen vom ersten optischen Eindruck, der uns oft spontan entscheiden lässt, ob wir jemanden mögen oder nicht, ist das Hören der Stimme eines Menschen das intensivste Merkmal, das wir wahrnehmen.

Ich mag Stimmen, zumindest die meisten, ich mag tiefe Männerstimmen, klare Baritone, wohlklingende Tenöre, sanfte Altstimmen und klangvollen Sopran. Dazu muss mein Gegenüber nicht singen. Es ist einfach schön, wenn die Worte klar und rund dem Mund meines Gegenübers entströmen.

Ich mag weniger Heiseres, Undeutliches, Gehauchtes, Genuscheltes. Sofern es keine organischen Ursachen hat, habe ich immer das Gefühl, mein Gegenüber möchte gar nicht verstanden werden, legt keinen Wert auf eine deutliche Kommunikation – mit mir. Es ist einfach anstrengend, das Wesentliche herauszufiltern und zu erwidern.

Ich mag auch keine schrillen, kreischigen, röhrenden Stimmen, die mich mundtot machen, in den Ohren schmerzen, mich zu übertrumpfen drängen. Ich fühle mich dann niedergebrüllt, unverstanden, uninteressant.

Die Stimme, mit der wir der Umwelt begegnen, variiert. Sie ist tagesformabhängig und situativ. In unseren Äußerungen passen wir uns dem Gegenüber an, schreien nicht, wenn geflüstert wird, dröhnen nicht, wenn der Andere zirpt. Sollten wir zumindest. Wir wollen uns ja wohl fühlen im Gespräch, genau wie das Gegenüber.

Wenn ein Fachgespräch unter Kollegen stattfindet, sprechen wir anders als im Bett mit unserem Lebensgefährten. Telefonieren wir mit dem Lehrer unserer Kinder, anders, als tratschen wir mit Freunden. Nicht nur das Vokabular, auch unser Timbre, unsere Sprechgeschwindigkeit passen sich an. Immerhin 38% des Inhaltes geben wir damit preis (laut
Albert Mehrabian, wobei das nicht unumstritten ist).

Als Kind lernen wir, den Mund zu halten, leise zu sein, zu reden, wenn wir gefragt werden, einen höflichen Ton gegenüber Erwachsenen anzuschlagen. Je nach genossener Erziehung genießen wir unsere in Klang gegossenen Gedanken oder fürchten sie.

Die leise Stimme, der knappe Atem bleiben dann, wenn man dem Klang seiner Äußerungen nie begeistert lauschen durfte. Wir kieksen dann unsicher, flüstern, kauderwelschen, sobald wir einer Sache nicht zu hundert Prozent sicher sind. Manchmal brüllen wir, um die innere Angst, vom Gegenüber abgelehnt zu werden, zu übertönen.

Unsere Stimme ist ein wichtiges Instrument. Sie ist es wert gehört zu werden.

Manchmal möchte ich schreien. Laut, wie ein Löwe, dass die Wände wackeln und der Boden bebt. Oder so, dass das Glas in den Fensterrahmen vibriert, zu zerbrechen droht. Ich stelle mir vor, die ganze Luft eines Raumes in meine Lungen zu saugen und beim Ausstoßen an meine Stimmbändern vorbei zu schieben, die Augen zu schließen, um nur noch Stimme zu sein, nur noch Klang. Den langsam aushallenden Tönen nachzuhorchen und eins zu sein, mit mir.

Könnt ihr mich hören?

Alice

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Reiner sagt:

    Gehört ☺
    Schon interessant, was unsere Stimme so sagt.

    (Leise) Gute Nacht Dir.

    Gefällt 1 Person

    1. e b e n s o … liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

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