Die Fälle

Fortsetzung von Nachtmahr

Das Abendessen brachte ich mehr schlecht als Recht hinter mich. Mein Vater war zur Schicht, so dass dieses Problem zumindest nicht anwesend war. Meine Mutter aß schweigend und schien – wie ich – mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein. Mein Bruder hatte sich einen Teller gefüllt und war mit ihm in seinem Zimmer verschwunden. Ich freute mich auf die Pubertät und die damit verbundenen Vorrechte. Ich half noch rasch beim Abräumen und verabschiedete mich dann zu Inken. Meine Mutter verzog etwas das Gesicht, weil ich nochmal loswollte. Aber da ich ihr versicherte, dass wir im Haus bleiben würden, erklärte sie sich einverstanden.

Margit wartete schon auf der Straße, als ich aus der Haustür kam. Als ich zu ihr trat, fragte sie :“Sag mal, warum humpelst du? Hat dich der alte Linnens mit seinem Bajonett erwischt?“ „Erzähl ich gleich. Das war wenig lustig“, entgegnete ich. In einverständigem Schweigen gingen wir zu Inken hinüber. Die Tür war nur angelehnt, so dass wir einfach eintraten. Hinter der Tür stand Jörg mit Inken zusammen. „Da seid ihr ja endlich“, wurden wir freudig begrüßt. Jörg schlug vor: „Lasst uns in den Partykeller gehen. Ich glaube, da haben wir momentan die meiste Ruhe.“ Wir stiegen hintereinander die steile Kellertreppe hinunter und betraten den kleinen Partykeller. Inken betätigte den alten Bakelitdrehschalter und einige schwache Lampen tauchten den Raum in stimmungsvolles Licht. „Mehr geht nicht“, entschuldigte sie sich. Wir ließen uns in die Sitzgruppe plumpsen. Jörg holte einen dicken Ordner aus seiner Tasche und grinste verschwörerisch. „Wir haben großes Glück, dass der Fall so alt ist und Peter mir noch was schuldet. Ihr seht hier vor Euch die Originalermittlungsakten aller vier Fälle, die der Polizei bekannt sind.“ „Wow“, rief Margit begeistert und versuchte sich die oberste Akte vom Stapel zu angeln. Doch Jörg war schneller. Er legte rasch die Hand auf die oberste Akte und sagte „Nein, so wird das Nichts. Das sind Originalakten, die dürfen auf keinen Fall durcheinanderkommen. Wir schauen sie gemeinsam Seite für Seite durch und können uns dabei Notizen machen.

Ich kramte mein Schulheft aus der Tasche und reichte es Margit. „Hier, du hast die beste Schrift.“ Lächelnd nahm Margit es entgegen und schrieb auf eine neue Seite : Die Fälle. Sie unterstrich es zwei mal und schaute Jörg erwartungsvoll an.

Er begann vorzulesen: „Erster Fall: Katharina Direksen, verschwunden am 1. Juli 1895.  Das verschwundene Kind war am besagten Abend gegen 21  Uhr auf dem Niersweg auf Höhe der Eisenbahnstrecke zu einem Spaziergang aufgebrochen…. Ach, das wissen wir alles. Lasst mich mal schauen. Hier, die eingeleiteten Suchaktivitäten, die Tauchmannschaft…mmh…. festgenommen wurde niemand, aber es gab einen Verdächtigen, der aber ein Alibi hatte. Nein, nichts Neues.“ Er schloss die Akte. Dabei rutschte ein altes Foto zwischen den gelben Blättern hervor und landete auf dem Boden. Inken schnappte es sich und legte es auf den Tisch „Ein Familienfoto“ Wir beugten uns über das alte Bild und erkannten Katharina sofort. Sie saß auf dem Schoß eines bärtigen Mannes. Neben den beiden stand ein kleiner Junge im Matrosenanzug. „Sie hatte einen Bruder“, staunte ich, „da hatte Oma Hanni gar nichts von erzählt.“ „Auf dem Bild ist er höchstens zwei Jahre alt“, schätzte Jörg, “ wenn er noch lebt ist er jetzt etwas über 77.“ Margit grinste: „Nunja, ich wollte mir das beste eigentlich für den Schluss aufheben. Ich war heute im Männerhaus und habe ihn besucht. Er ist fast taub und blind, aber in seinem Oberstübchen ist er noch topfit. Und er brennt darauf, uns zu helfen. Allerdings hat er an den Tag selbst keine Erinnerung mehr. Nur an die Erzählungen seiner Eltern kann er sich noch gut erinnern. Er ist also quasi ein Zeitzeuge.“ „Phantastisch Margit“, quietschte ich begeistert, „Und? Was hat er gesagt?“ „Dass Katharina komische Alpträume hatte, bevor sie verschwand. Und dass sie sich dabei sogar verletzt hat.“ Mir wurde übel. „Ich muss euch was erzählen…“, begann ich und schilderte den Alptraum des Nachmittags. Als ich ihnen den angeschwollenen Fuß zeigte, wurde es sehr still im Raum. „Mist“, sagte Jörg, „Das sieht nicht gut aus. Hast du das deiner Mutter gezeigt?“

„Niemals“, entgegnete ich, „Dann wäre ich eingesperrt in meinem Zimmer.“ „Vielleicht wäre das gerade gar nicht die schlechteste Lösung“, beharrte Jörg. Ich schüttelte den Kopf und schmollte. „Lass uns weiter schauen“, bat ich.

Jörg hob die zweite Akte vom Stapel und schlug sie auf. „Der zweite Fall war ein Karl Olheim, 8 Jahre alt. Er verschwand am 20 Juli 1900. Er war mit Freunden im Kalbecker Busch spielen. Sie müssen die Zeit vergessen haben, denn er ist erst gegen 20 Uhr zurück gegangen. Am Waldrand haben sie sich getrennt. Danach hat ihn niemand mehr gesehen. Da sein Rückweg am Teich eines Bauern vorbei führte, hat man auch hier Ertrinken vermutet. Der Teich wurde leer gepumpt. Das Kind war nicht zu finden.“ Mich überlief eine Gänsehaut „Sommer, Wasser, da gibt es ein Muster. Ich saß an unserem kleinen Teich und im Traum war auch Wasser, da war ich am alten Arm.“

„Nimm die nächste Akte“, befahl Margit. sie war ganz blass und hielt verkrampft den kleinen Bleistiftstummel in der Hand.

Jörg klappte die aktuelle Akte zu: „Olga van Tochelen, 7 Jahre, verschwunden am 1. August 1913. Sie war mit zwei Freundinnen unterwegs. Sie hatte etwas abseits Blumen gepflückt und war auf einmal weg. Die Uhrzeit wussten die Kinder nicht. Sie haben noch eine Weile gesucht und gedacht, dass Olga alleine nach Hause gegangen wäre. Erst zu Hause haben sie erfahren, dass sie verschwunden ist.“

„War Wasser in der Nähe?“, fragte ich tonlos. „Da steht nichts davon“, sagte Jörg und suchte in der Akte. „Die Mädchen waren in der Innenstadt unterwegs.“ „Da gibt es genug Wasser“, wandte Inken ein. „Hier ging die Polizei von einem Sittlichkeitsverbrechen aus“, fuhr er fort, “ es wurde sogar jemand fest genommen.“ „Und?“ „Nix Und. Er hat nie gestanden und starb zwei Jahre später in Haft.“

„Die letzte Akte, bitte“ Jörg schaute mich besorgt an und nahm sich den dünnen Ordner.

„Heinrich Jörgens, 7 Jahre, verschwunden am 29. Juli 1938 bei einem Spaziergang mit seiner Großmutter am Schwanenteich. Sie hatte ihn einen Moment aus den Augen verloren, hat sie zu Protokoll gegeben. Auch hier wurde ertrinken vermutet.“

Er las weiter. Seine Augen weiteten sich: „Wieder aufgetaucht am 6. August 1938. Einweisung in die örtliche Krankenanstalt.“

Alice

Fortsetzung folgt

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Menno…immer wenns spannend wird….

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  2. Also, ich warte dringend auf die Fortsetzung! Du schreibst so „süffig“, so sagt man bei uns, dass ich alles am Stück lesen musste. Als hätte mich etwas Geheimnisvolles gepackt und durch den Text gezogen. Habe ich nicht rote Druckstellen am Handgelenk?

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    1. Oh, vielen Dank… ich mache weiter, versprochen… liebe Grüße

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  3. Jetzt hast Du doch genug Zeit gehabt, den Fall weiter zu recherchieren! Kein Ergebnis?

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    1. Nicht drängeln…. liebe Grüße

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