Alte Leute

Fortsetzung von Das Archiv

„Und die Polizei“, ergänzte Jörg. „Aber das muss ich erledigen. Selbst wenn ihr denen glaubhaft etwas von Margits Ferienprojekt erzählen würde. Es geht um alte Ermittlungsakten und die sind, wenn überhaupt, höchstens der Presse zugänglich. Aber auch ich werde mir eine Geschichte ausdenken müssen.“

„Und um die alten Leute kümmern wir uns dann?“, fragte Inken.

„Genau, ihr werdet alte Nachbarn und Verwandte ausquetschen. Wer weiß, vielleicht kennt Margits Uroma ja noch den einen oder andern, den ihr fragen könnt. Seid höflich, zieht euch nett an und denkt euch eine passende Geschichte aus. Ich werde jetzt ein wenig rum telefonieren. Am besten treffen wir uns heute Abend bei Inken zu Hause. Ich bin eh zum Essen eingeladen. Da können wir dann unsere Ergebnisse zusammentragen.“

„Einverstanden“, schaltete sich Margit ein, „dann fahren wir jetzt nach Hause und starten die Befragung.“

Wir verabschiedeten uns feierlich mit einem Händedruck von ihm und stürmten zu unseren Rädern. Die ältere Redakteurin schaute uns schmunzelnd und kopfschüttelnd nach.

Auf dem Rückweg diskutierten wir die beste Vorgehensweise. „Ich würde vorschlagen, wir bringen die Räder weg und dann teilen wir uns auf“, meinte Inken. „Genau, dann geht es wesentlich schneller“, ergänzte Margit, „Ich frage noch einmal Oma Hanni und dann klappere ich die Namen ab, die sie mir vielleicht noch nennen kann. Alice fragt ihre Oma und dann beginnt sie oben an der Straße und du Inken beginnst unten auf deiner Seite. Bis um sechs sollten wir irgendwas erfahren haben.“

Ich war so aufgeregt und zuversichtlich. Das beängstigende Gefühl, das ich bei Margits Oma hatte, war fast vollständig verflogen. Ich fühlte mich sicher.

In unserer Straße angekommen, trennten wir uns. Ich schob das Rad in den Schuppen und schmuggelte das Katzenfutter in mein Zimmer. Meine Mutter hing hinten im Garten Wäsche auf. Ich meldete mich kurz bei ihr zurück. Das mir nachgerufene „Wo warst du so lange?“ ignorierte ich einfach.

Inzwischen war es früher nachmittag und meine Oma müsste von ihrer Arbeit zurück sein. Ich wusch rasch Gesicht und Hände und stürmte die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf. Oben angekommen, klopfte ich zaghaft und hörte meinen Opa „Herein“ rufen.

Ich öffnete die Tür und hielt die Luft an. Meine Oma kochte. Was ich im Treppenhaus schon ansatzweise gerochen hatte, schlug mir nun mit voller Wucht auf die Riechzellen. Sie briet irgendetwas Undefinierbares auf ihrem Gasherd. Das Fett spritzte und die ganze Küche war verqualmt. Mein Opa sagte:“Geh ins Wohnzimmer und warte, bis wir gegessen haben. Oder magst du auch was?“ Ich nickte und schüttelte dann rasch den Kopf. Für kein Geld der Welt wollte ich das essen. Meine Oma mochte eine gute Sekretärin sein, sie war auf jeden Fall eine grauenvolle Köchin. Hatte sie etwas zubereitet, stank es immer nach Fett und etwas, was schon zu lange tot war. Ein Wunder, dass sie damit so alt geworden war. Ich verkrümelte mich im Wohnzimmer, das allerdings nicht viel besser roch. Kein Wunder, in dieser kleinen Wohnung standen die Türen immer offen. Nur die Fenster waren leider geschlossen. Ich überlegte kurz eines zu öffnen, aber meine Großeltern hatten Angst vor zu viel Zugluft und erstanken wohl lieber.

Ich fläzte mich aufs Sofa und schaute mich ein wenig um. Auf einem Beistelltisch lag Omas altes Fotoalbum. Das wäre doch schon mal ein Ausgangspunkt. Ich zog den alten Wälzer auf meinen Schoß und blätterte vorsichtig die starren Seiten um. Auf der ersten Seite war ein Brautpaar abgebildet. Die Frau trug ein schwarzes Kleid und der Mann eine Uniform mit einer Pickelhaube. Der Bart sah dem von Margits Uropa sehr ähnlich. Wahrscheinlich waren das die Eltern meiner Oma. Ich suchte in den Gesichtern nach Ähnlichkeiten und fand sie rasch. Meine Uroma war eine sehr hübsche Frau gewesen, leider hatte meine Oma aber die Nase und die Ohren ihres Vaters geerbt. Auf der nächsten Seite war ein Familienfoto zu sehen. Die deutlich gealterten Eltern waren von dreizehn Kindern umringt. Darunter stand eine Jahreszahl: 1920. Das heißt, meine Oma war da zwei Jahre alt. Ich suchte ein wenig und fand sie im Vordergrund auf einem Schaukelpferd. Alle Mädchen trugen weiße Kleidchen mit Rüschen, alle Jungs Anzüge. Sie lächelten starr in die Kamera. Auf einem kleinen Tisch neben der Mutter stand eine Fotografie in einem Rahmen, an dem ein schwarzes Band hing. Ich konnte es schlecht erkennen, aber es schien ein Babyfoto zu sein.

Ich schreckte hoch, als meine Oma den Raum betrat. „Na Alice“, sagte sie, „hast du ein wenig in meinen Erinnerungen geblättert?“ Ich nickte und wies auf das Foto: „Das bist du, oder?“ Sie nickte und wies auf die einzelnen Personen: Und das ist Berta, das Karl, Ludwig, Theodor , Wilhelm, Barbara, Ingrid, Maria, Greta, Eva und Adelheid. Auf der kleinen Fotografie ist Johannes. Er ist bei der Geburt gestorben.“ Mich gruselte und ich schlug das Album zu.

Meine Oma war eine klassische Trümmerfrau. Ihr Mann war mit 26 Jahren an der Ostfront gefallen und sie hatte sich und ihren damals dreijährigen Sohn alleine durchgebracht. Sie hatte nicht viel Herzenswärme aber sie war eine durchsetzungsstarke Frau. Wenn sie etwas erreichen wollte, dann schaffte sie das auch. Und es war ihr ziemlich egal, was alle anderen darüber dachten. Kinder konnte sie nicht besonders leiden. Sie ertrug sie, wie man Kopfschmerzen erträgt, im Wissen, dass sie irgendwann wieder zu ihren Eltern zurückkehren werden und sie dann ihre Ruhe hätte.

So fragte sie mich auch jetzt sehr direkt: „Was möchtest du? Ich glaube nicht, dass es dir um meine alten privaten Bilder ging“ und nahm mir das Album aus den Händen.

Mir war sehr bewusst, dass rumdrucksen mich hier nicht weiter brachte. Also fragte ich sie geradeheraus nach den verschwundenen Kindern.

Sie wurde kreidebleich und ließ sich neben mir aufs Sofa fallen. „Woher weißt du davon?“

„Oma Hanni hat davon erzählt“, entgegnete ich und schaute sie gespannt an. „Diese alte Hexe soll ihren ungewaschenen Mund halten. Es gibt Dinge, die lässt man ruhen. Man rührt nicht daran“, fluchte sie und starrte einen Augenblick vor sich hin. „Du musst jetzt gehen“, sagte sie und stand auf, “ ich muss noch einkaufen.“

Irritiert stand ich auf und entschuldigte mich für die Störung. Dann verließ ich die Wohnung und zog die Wohnungstür hinter mir zu.

Das war ja mal ein Reinfall gewesen. Hoffentlich hatten die andern mehr Glück. Ich zog mir Sandalen an und verließ das Haus. Am anderen Ende der Straße sah ich Inken an der Haustür der Derksens klingeln. ich konnte nicht sehen, wer öffnete, aber sie betrat kurz danach das Haus. Ich machte mich auf den Weg zum anderen Ende und hoffte, dort mehr Glück zu haben.

Im ersten Haus wohnten Linnens. Dort lebte nur noch der Opa. Ein brummiger Mann, der meistens in Kriegserinnerungen schwelgte. Man erzählte sich, dass er, wenn er betrunken war, was nebenbei bemerkt wohl recht häufig der Fall war, gerne in seiner alten Uniform durch die Straße marschierte und mit dem verbotenen Gruß grüsste. Offenbar war für ihn nicht alles schlecht gewesen.

Auf mein Klingeln öffnete seine Schwiegertochter. Sie kochte wohl gerade und schaute mich ungeduldig an: „Hallo Alice, ich hab gerade wenig Zeit. Ich bereite gerade einen Braten vor. Womit kann ich dir helfen?“ „Hat der alte Herr Linnens vielleicht etwas Zeit für mich? Ich müsste da mal was für die Schule fragen. Aus dem Krieg, ist ein Ferienprojekt“, ergänzte ich rasch.

„Was für eine Zeit“, jammerte sie und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, “ als ich jung war, waren Ferien noch Ferien. Da gab es keine Projekte, da gab es Hunger.“ Sie hielt kurz inne und lauschte dem Klang ihrer eigenen Worte. Offenbar trank nicht nur der alte Linnens gerne. „Tja“, endet sie, „er ist oben. Dem Lärm nach müsste der Mittagsschlaf vorbei sein. Geh nur hoch, ich hoffe, er kann dir helfen. Ich muss noch was tun.“

Sie drehte sich um und ließ die Haustür offen. Ich bedankte mich in die Richtung ihres rasch davoneilenden Rückens und ging die Treppe hinauf. Aus der Wohnung drang laute Marschmusik. Ich klopfte zaghaft, aber selbstverständlich wurde ich nicht gehört. Ich wiederholte das Klopfen mit steigender Intensität, jedoch ohne Erfolg. Unten an der Treppe erschien sein Sohn. Er grinste zu mir herauf: „Geh einfach rein. Er ist inzwischen fast taub und würde dein Klopfen nicht hören. Und wenn du es hinbekommst, dass er für eine Weile die Musik ausmacht, bekommst du von mir eine Tafel Schokolade.“

Ich nahm meinen Mut zusammen, klopfte noch einmal der Form wegen und drückte die Klinke herunter. Die kleine Diele war fast vollständig dunkel. Nur unter einem Türspalt drang Licht hervor. Und Marschmusik. Hier war sie fast unerträglich laut. Ich klopfte an die nächste Tür und trat ein.

Ich betrat ein Wohnzimmer, das seltsamer kaum sein konnte. Abgesehen von dem alten Plattenspieler, der gerade ohrenbetäubend das Lied vom Polenmädchen dudelte, bestand die Einrichtung – hauptsächlich schwere Eichemöbel – aus Kriegsbildern, Fahnen, Waffen, die in Vitrinen ausgestellt waren und Portraits, bei denen ich mir ziemlich sicher war, dass man sie nicht mehr aufhängen sollte. In der Mitte des Zimmers stand, mit dem Rücken zu mir, der alte Linnens. Gekleidet in einen alten Schlafrock, dirigierte er leidenschaftlich. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen. Aber das Risiko, dass er mich beim Hinausrennen ertappte, war mir zu groß. Und hier waren so viele Waffen.

Ich nahm all meinen Mut zusammen, reckte mich und tippte ihm auf die Schulter. Wie von der Tarantel gestochen, fuhr er herum. „Kommunisten“, brüllte er erschreckt. Da erkannte er mich und merkte wohl, dass von mir keine Bedrohung ausging. Er räusperte sich: „Na, mein Mädel. Kommst du einen alten Veteranen besuchen?“ und machte tatsächlich die Musik aus. Er lud mich ein, Platz zu nehmen und bot mir sogar etwas zu trinken an. Ich lehnte sicherheitshalber ab. Er griff in seinen Schlafrock und förderte einen abgegriffenen Flachmann zutage. „Einer für den Soldaten“, sagte er und nahm einen tiefen Schluck, „und einer fürs Vaterland.“ Damit leerte er die kleine Metallflasche.

„Was kann ich für dich tun?“, erkundigte er sich nun. Ich schilderte ihm mein Anliegen, erzählte von Schulprojekten und Sommerferien und erfand eine besonders strenge Lehrerin um die Geschichte etwas malerischer zu gestalten.

Er legte den Kopf schief und lauschte. Dann lehnte er sich in seinem schweren Lehnstuhl zurück und schloss die Augen. Ich wartete eine Weile. Aus dem Lehnstuhl erklang leises Schnarchen. So ein Mist, ich hatte heute nur Volltreffer. Leise verließ ich die Wohnung. Auf der untersten Treppenstufe lag eine Tafel Schokolade. Die hatte ich mir redlich verdient. Ich trat wieder auf die Straße und setzte mich auf den Bürgersteig. Da kam Margit auf ihrem Rad um die Ecke geflitzt. Als sie mich sah, bremste sie scharf und stellte ihr Rad ab. Sie ließ sich neben mir auf den Bordstein plumpsen und nahm ein winziges Stück von meiner Schokolade. „Wie läuft es?“, erkundigte sie sich. „Frag nicht“, antwortete ich resigniert, „alte Leute…“ Sie lachte.

Alice

To be continued…

Fortsetzung Nachtmahr

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