Das Archiv

Fortsetzung von Katharina die Zweite

Wir mussten nicht lange warten. Die ältere Dame kam zügig wieder, zwinkerte uns zu und wies uns den Weg in das Büro, das sie soeben verlassen hatte.

„Herr Webers erwartet euch“, sagte sie feierlich. Wir standen auf und betraten den hinteren Redaktionsraum. Was man von unserem Platz aus zuerst nicht sehen konnte, breitete sich nun vor uns aus. Das war der Moment, an dem ich mich entschied, Journalistin zu werden (oder zumindest etwas in der Art). Die Redaktion war chaotisch. Ich zählte drei Schreibtische, von denen zwei besetzt waren. Außer der Dame, die uns herein gebeten hatte, saß in einer Ecke ein älterer Mann über eine Schreibmaschine gebeugt da. Als wir uns näherten, schaute er kurz auf, rückte leicht irritiert seine randlose Brille zurecht und widmete sich dann weiter dem Text, den er gerade bearbeitete. Rund um seine Schreibmaschine lagen Aktenberge und verschiedene Fotografien. Die Lampe brannte, obwohl der Raum lichtdurchflutet war. Die beiden anderen Tische sahen kaum besser aus. An einer Pinnwand hing der Entwurf einer Zeitung. Ausgeschnittene Fotografien und Textbeiträge waren zu einer Titelseite zusammengepinnt. Eine komplette Wand war mit Büchern, meist Lexika gefüllt, eine andere mit Ordnern. Irgendwo klingelte ein Telefon.

„Da muss ich ran gehen“, meldete sich jetzt die ältere Dame, schob uns mit einem Lächeln in das Büro und zog die Tür hinter uns zu.

Jörg saß an seinem Schreibtisch und las einen getippten Text. Als wir sein Büro betraten, schaute er auf und lächelte uns an. „Inken und ihre Rasselbande“, grinste er, „bitte bring eine interessante Geschichte mit. Ich sterbe vor Langeweile. In diesem Kaff ist nichts los. Setzt Euch. Ich besteche Euch zur Not mit Schokolade“ „Also Margit hat da so ein Schulprojekt“, begann Inken. Genervt drehte er die Augen zu Decke, „Etwas Spannendes Inken. Oder du Alice, du siehst aus, als hättest du eine phantastische Idee für eine tolle Titelgeschichte.“ Er schaute mich an und wartete. Er war kein hübscher Mann. Lange nicht so hübsch wie mein Mitschüler. Aber er hatte etwas Eindringliches in seinen Augen. Und irgendwie hätte ich mich schlecht gefühlt, wenn ich ihn angeschwindelt hätte.

Also begann ich zu erzählen. Erst stockend und stotternd berichtete ich von der besagten Nacht und dem, was wir bisher erfahren hatte. Ich endete atemlos mit der Bitte, uns in den Archiven umsehen zu dürfen.

Es war still im Raum. Ich spürte die erstaunten Blicke der Mädels in meinem Rücken. Jörg sah mich an und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Wahnsinn“, stöhnte er, “ Das ist doch einmal eine Story. Ich glaube nicht, dass sie es auf die Titelseite schafft oder überhaupt in die Zeitung. Aber ihr Süßen versüßt mir den Tag.“ Mit wenigen Handgriffen räumte er Platz auf seinem Schreibtisch frei und holte einen Block aus seiner Schublade. Er notierte einige seltsame Zeichen und Inken raunte mir besserwisserisch zu: „Stenografie“. Dann schaute er uns an und verkündete: „Ich hoffe, ihr habt nicht eure besten Klamotten an. Das Archiv ist dreckig und staubig und es gibt Spinnen so groß wie Hofhunde. Aber wenn wir fündig werden, dann dort.“ Mit diesen Worten stand er auf und scheuchte uns durch seine Tür. Wir gingen eine schmale Treppe hinunter, die vor einer großen Stahltür endete. Jörg zog einen großen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete das widerspenstige Schloss. „Wir sind nicht so häufig hier unten“, erklärte er. Er schob die schwere Tür auf und drehte einen altmodischen Bakelitschalter neben der Tür. Leuchtstoffröhren flammten zögernd auf und tauchten den Raum in kaltes Licht. Vor unseren Augen erschien ein riesiger Kellerraum, gespickt mit raumhohen Regalen. Dazwischen standen große leere Tische, die separat beleuchtet wurden. In den Regalen lagen große Kartons, auf denen Jahreszahlen vermerkt waren. Und in einer Ecke stand ein seltsames Gerät mit einem Bildschirm.

„Deine Oma, entschuldige Uroma hat etwas vom 1. Juli 1895 gesagt. Und, dass Katharina das erste der verschwundenen Kinder gewesen sei. Also fangen wir da an. Ich lese mir erst einmal den Artikel durch und dann suchen wir weiter.“ Er führte uns in einen hinteren Bereich, der mit Sicherheit seit ewigen Zeiten nicht mehr betreten worden war. Dann wählte er einen Karton aus und stellte ihn auf einen der Tische. In dem Karton waren Zeitungen zu Büchern gebunden. Diese hier waren alt und vergilbt. Die Schrift erinnerte mich an die Zeitungsausschnitte von Oma Hanni. Er hob einen Packen heraus und blätterte die alten brüchigen Seiten um. Margit begann zu husten. „Das ist ziemlich staubig, ich weiß. Haltet ein wenig Abstand.“ Routiniert begann er zu blättern und hatte auch bald die gesuchte Ausgabe gefunden. Eine Weile vertiefte er sich in den Text. „Stark“, sagte er. „Diese Stadt birgt offenbar eine Menge interessante Ereignisse.“ „Was steht da?“ wollte Inken wissen „Wir können das nicht lesen.“ „Das werdet ihr im Laufe der Recherche schon lernen“, grinste er, „Im Prinzip nur das, was Margits Oma erzählt hatte.“ „Den ersten Fall haben wir gefunden“, warf Margit ein, „aber wo suchen wir weiter?“ und wies mit der Hand auf die schier endlosen Regale. „Da muss der Jounalist zu Fuß gehen“, entgegnete Jörg, “ das heißt, dass wir herausfinden müssen, wann das nächste Kind verschwunden ist.“

„Wir müssen also alte Leute fragen?“, warf ich ein. Jörg lächelte mich an, „Genau das.“

Alice

To be continued….

Fortsetzung Alte Leute

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