Katharina die Zweite

Fortsetzung von Katharina

Der heiße Sommertag endete mit einem phantastischen Sonnenuntergang. Ich hatte mich durch das kleine Fenster wieder ins Haus geschlichen. Die Tür war offen. Meine Mutter hatte einen Nachschlüssel für den Raum, den sie sicher in ihrem Makeup-Köfferchen verwahrte. Mein Vater war inzwischen zur Nachtschicht gefahren. Dann würde sich der Ärger über die späte Heimkehr wenigstens in Grenzen halten. Ich hörte das Brummen der Heißmangel und den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Meine Mutter war wohl mit der Bettwäsche beschäftigt. Ich schaute kurz rein und sagte Bescheid, dass ich direkt ins Bett gehen werde. Ein ärgerlicher Blick traf mich. „Wo warst du den ganzen Nachmittag?“ „Bei Margits Oma, wir haben ihr ein wenig Gesellschaft geleistet.“ „Und wahrscheinlich jede Menge Kekse gegessen“, erwiderte sie missbilligend. „Du solltest wirklich weniger Süßigkeiten naschen. Bald muss ich dir neue Hosen kaufen. Geh jetzt ins Bett.“ Sie wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Ich schloss leise die Tür.

Mein Zimmer war immer noch sehr warm. Ich kletterte auf meinen Schreibtisch und zog die langen Gardinen beiseite. Dann öffnete ich das Fenster weit und packte ein paar Bücher davor, dass es nicht zuschlagen konnte.  Ich setzte mich und kramte ein altes Schulheft hervor. Sorgfältig schrieb ich alles auf, was Margits Uroma erzählt hatte. Das Heft verbarg ich in meinem Geheimversteck. Hinter meinem Bett war die Wand vertäfelt. Ein Brett ganz am Rand hatte sich gelöst und ließ sich um ein paar Zentimeter zur Seite schieben. In dem schmalen Hohlraum dahinter waren alle Dinge verborgen, die meine Mutter nicht finden sollte. Außer dem Foto eines Mitschülers, in den ich ein bisschen verknallt war, und ein paar für Margit geklaute Zigaretten war da noch eine halbaufgegessene Tafel Schokolade und mein gespartes Taschengeld. Das Schulheft passte gerade noch hinein. Nachdem das Brett wieder an seinem Platz war, löschte ich das Licht und legte mich auf mein Bett. Ich war unendlich müde und gleichzeitig total aufgekratzt. Ein bisschen Angst hatte ich auch. Was wäre, wenn mich dieses Etwas wirklich holen würde? Wo war Katharina? Würde mich hier überhaupt jemand vermissen, wenn ich weg wäre? Vielleicht würden meine Eltern dann eine neue Tochter bekommen, die ihnen etwas besser gefallen würde. Mehr so eine wie meine Klassenkameradin Klara. Zu ihr war meine Mutter immer supernett. Sie war blond und schlank und sehr gut erzogen. Gegenüber den Erwachsenen zumindest. Mich quälte sie immer, sobald wir alleine waren. Oder sie erzählte Lügen über mich und dann lachten alle.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich erwachte, war es immer noch dunkel. Da war ein Geräusch gewesen. Ich kletterte aus dem Bett und pirschte mich an das offene Fenster heran. Auf der Fensterbank saß eine kleine schwarze Katze. Sie schnurrte leise als ich sie anlockte und lief unter meiner streichelnden Hand hin und her. Ohne Widerstand ließ sie sich hochnehmen und kuschelte sich in meinen Arm. Ich nahm sie mit ins Bett und sie schlief auf meiner Brust ein.

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, stand die Sonne hoch am Himmel. Die kleine Katze war verschwunden und hatte nur ein paar schwarze Haare in meinem Bett zurückgelassen. Ich würde Katzenfutter kaufen müssen. Vielleicht käme sie mich ja wieder besuchen.

Ich zog mich rasch an und ging in die Küche. Meine Mutter und mein Bruder frühstückten gerade. Ich setzte mich dazu und nahm mir ein paar Cornflakes. Da wir alle Morgenmuffel waren, blieb mir wenigstens ein Gespräch erspart. Mit einem „Ich geh zu Margit und Inken“ verabschiedete ich mich. Meine Mutter nickte und drückte ihre Zigarette aus. „Bleibt in der Straße“, sagte sie nur und leerte ihre Kaffeetasse.

Margit hatte tatsächlich schon etwas gefrühstückt als ich klingelte und durfte sofort los. Und auch Inken war schon wach und wartete mit Willi auf uns. Wir beschlossen uns zur Beratung in ihren Garten zurückzuziehen. Inkens Eltern hatten ein Riesenplanschbecken aufgebaut. Wir zogen uns Stühle an den Rand und hielten die Füße in das kühle Wasser. Willi tobte um uns herum. Ab und zu steckte er die Nase ins Becken und trank ein wenig.

„Ich habe angefangen, alles aufzuschreiben“, erzählte ich und kramte das Heft hervor, das ich morges noch aus meinem Versteck geholt hatte.

„Was für eine großartige Idee“, sagte Inken, „Aber jetzt brauchen wir noch mehr Informationen. Ich habe heute morgen mit Sabine gesprochen. Ihr Freund ist den ganzen Tag in der Redaktion auf der Steinstraße. Vielleicht können wir ihn besuchen und ein bisschen ausfragen. Die haben doch dieses Archiv.“ „Ich weiß nicht, ob ich mitkommen kann“, warf ich ein, „Meine Mutter besteht darauf, dass ich in der Straße bleibe.“ „Erzähl ihr doch, dass wir alle was für die Schule einkaufen müssen. Es sind nur noch zwei Wochen Ferien. Vielleicht darfst du dann mit.“

Ich dachte an die kleine Katze und an Katzenfutter. In der Stadt könnte ich heimlich welches kaufen. „Ich kann ja mal fragen“, entgegnete ich und stand auf. „Können wir uns bei mir treffen? Wenn ihr mich „abholen“ kommt, ist sie vielleicht eher bereit, mich gehen zu lassen.“

Ich spurtete nach Hause und erwischte meine Mutter in der Küche mit der Nachbarin tratschend. Die Luft war zum Schneiden. Beide rauchten Kette und hatten eine große Kanne Kaffee auf dem Tisch.

„Mama, kann ich mit Margit und Inken in die Stadt gehen? Wir brauchen alle Schulsachen. Die beiden passen auf mich auf und wir gehen ganz sicher nicht ins Feld.“

„Versprochen“, fügte ich noch hinzu. „Kannst du nicht erst Frau van Dyke begrüßen?“, fuhr mich meine Mutter an und fügte zu ihrer Freundin gewandt hinzu: „Entschuldige Hannelore.“ Ich wurde rot und gab der Nachbarin die Hand. Das hatte ja gut begonnen. „Was brauchst du denn? Ich gehe heute nachmittag sowieso einkaufen und kann dir alles mitbringen“, erkundigte sich meine Mutter. Ich sah schon meine Felle davonschwimmen. „Inken muss mir zeigen, was sie im letzten Jahr brauchte. Ich hab den Zettel verloren“, schwindelte ich und hoffte, dass meiner Mutter nicht klar war, dass Inken absolut keine Ahnung mehr hatte, was sie im letzten Jahr für die Schule brauchte. Kopfschüttelnd zückte sie ihren Geldbeutel und gab mir fünf Mark.

Da klingelte es. Ich ging zur Tür und signalisierte den beiden, dass ich mitkommen könnte. Rasch holte ich mein Fahrrad aus dem Schuppen und wir fuhren los.

„ich muss euch was erzählen“, begann ich, als wir um die erste Ecke fuhren. „Du hast es doch nicht wieder gesehen?“, erschreckte sich Margit. „Nein, alles gut“, beruhigte ich sie und dann erzählte ich ihnen von der kleinen Katze, die bei mir geschlafen hatte. Und das wir Katzenfutter würden besorgen müssen.

„Hast du ihr einen Namen gegeben?“, erkundigte sich Inken begeistert. „Noch nicht. Aber ich denke ich nenne sie Katharina, die Zweite. Sie ist am gleichen Tag aufgetaucht, wo deine Oma uns von ihr erzählt hat.“ „Wollen wir nur hoffen, dass es kein kleiner Kater ist“, lachte Margit, „der wird sich für den Namen bedanken.“

Wir lachten noch, als wir vor der Tierhandlung anhielten. Eine Glocke erklang, als wir die große Glastür aufdrückten. Der kleine Raum war erfüllt von Vogelgezwitscher. Mindestens zwanzig Kanarienvögel und Wellensittiche warteten in kleinen Käfigen, die von der Decke hingen,  auf mögliche Käufer. Kaninchen saßen in Drahtkäfigen, die übereinandergestapelt an der Seitenwand standen. Mitten im Raum stand ein großes Regal voller Tierfutter. Es verströmte einen atemraubenden Geruch nach Wiese und getrocknetem Fleisch. Inken flitzte sofort zu den Kaninchen und steckte den Finger in einen Käfig. Aus dem Hinterzimmer kam ein alter Mann. Er setzte seine Brille auf und musterte uns über ihren Rand. „Was kann ich für die Damen tun?“, grinste er und fuhr mit den Fingern durch sein weißes, schütteres Haar. „Ich brauche Futter für eine kleine Katze“, begann ich und legte das Fünfmarkstück auf die Theke. „Soso, dann wollen wir mal sehen. Ich hätte hier ganz phantastisches Dosenfutter mit Huhn und Rind. Oder einen Beutel Trockenfutter. Das riecht nicht so stark. Wenn die Katze noch sehr jung ist, musst du es aber mit Wasser einweichen.“

Ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, dass ich das Futter in meinem Zimmer würde lagern müssen. Meine Eltern würden mir die kleine Katze sicher nicht erlauben. Also entschied ich mich für das Trockenfutter. Glücklicherweise war es nicht so teuer, so dass auch noch ein paar Bleistifte und Schulhefte drin waren.

Nachdem wir auch diesen Alibieinkauf erledigt hatten, konnten wir endlich zur Redaktion fahren. Vor der Tür schlossen wir unsere Räder ab.

Ein bisschen eingeschüchtert standen wir vor der doppelflügeligen Glastür, über der mit großen Leuchtbuchstaben „Tagespost Lokalredaktion“ stand.

„Geh du vor Margit, das soll ja dein Schulprojekt sein“, schob Inken Margit vor. „Nein, du kennst ihn. Ihr seid praktisch verwandt“, erwiderte Margit und stellte sich hinter Inken. Ich schob die Tür auf und ging hinein. Eine ältere Frau mit Dutt und Nickelbrille sah von ihrer Schreibmaschine auf. „Ja?“, lächelte sie, „was kann ich für dich tun?“ „Ich möchte zu Herrn…“, da fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, wie Sabines Freund hieß. „Webers“, erklang es hinter mir. Die beiden hatten sich doch hineingetraut und standen jetzt grinsend hinter mir.

„Habt ihr einen Termin?“, erkundigte sich die ältere Redakteurin. „Äh…“, Inken errötete, „nein, aber er ist der Freund meiner Schwester und er hat versprochen, meiner Freundin Margit hier“ und dabei gab Inken besagter Freundin einen kräftigen Stups in den Rücken, „bei ihrem Schulprojekt zu helfen.“

„Oh, dann schau ich mal, ob er Zeit hat. Heute ist nicht viel los. Setzt euch mal da vorne hin und wartet einen Augenblick“ Sie stand auf und rückte ihr Kleid zurecht. dann verschwand sie durch eine Bürotür im hinteren Teil des Gebäudes.

To be continued…

Alice

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