Katharina

Fortsetzung von Der Plan

„Wasch dir besser noch eben dein Gesicht“, sagte Margit zu mir während wir ins Haus gingen. So lange ich im Badezimmer beschäftigt war, mich wieder her zu richten, alberten Inken und Margit vor der Tür herum. Sie bildeten Ketten aus Tiernamen, wobei der nächste Name immer mit dem letzten Buchstaben des vorherigen Tieres beginnen sollte.
„Elefant“
„Tiger“
„Rentier“
„Robbe“
„Eisbär“
„Rauhaardackel“
„Ich weiß nichts, Moment“
„Luuuu…“ , wollte Margit helfen.
„Luftvogel?“ Inken kicherte.
„Langhaarkröte“ Margit prustete.
„Edelrosskastanienhamster“ Inken bekam kaum noch Luft.
„Rasenmäheredelschweinschaf“, sagte ich und öffnete grinsend die Tür. „Lasst uns hochgehen, ich glaube, es geht wieder. Meine Augen waren zwar noch etwas rot, aber ich hatte mein Gesicht gewaschen und die Zöpfe neu gebunden.

Margit nickte mir zu und ging voraus die steile Treppe hinauf. Vor der Wohnungstür ihrer Oma traten wir uns noch einmal gründlich die Füße ab. Margit klopfte. Wir hörten tippelnde Schritte und die Tür öffnete sich rasch. „Margit, meine Liebe, kommst du mich besuchen? Und du hast deine lieben Freundinnen mitgebracht. Rasch hinein mit euch.“ Wir folgten Margit durch die kleine Diele in ein helles Wohnzimmer. An der Tür hielt die alte Frau mich auf und schaute mir ernst ins Gesicht. „Schon wieder?“ Ich nickte und widerstand dem Impuls, mich an ihren Hals zu werfen. „Armes Hascherl“, flüsterte sie und strich mir über den Kopf.

Als wir alle auf dem grün gestreiften Sofa Platz gefunden hatten, fragte sie in die Runde: „Saft und Kekse?“ Grinsend nickten wir und sie verschwand in der Küche. Ich sah mich um. Allzu häufig war ich noch nicht hier oben gewesen. Es war ein kleiner Raum, der an zwei Seiten von Dachschrägen begrenzt war. Neben der Zimmertür stand ein kleiner schmiedeeiserner Kohleofen, der jetzt aber glücklicherweise nicht in Betrieb war. Das Sofa stand unter dem Fenster, dessen Fensterbank sich unter Dutzenden von rot und rosa blühenden Zimmerpflanzen geradezu bog. Sie verströmten einen süßlichen Duft, der mich ein wenig an Weihnachten erinnerte. An der nächsten Wand stand eine alte Anrichte aus dunklem Holz. Die Schranktüren waren seltsam gemasert und ich meinte Gesichter darin zu entdecken, wenn ich lang genug hinsah. Obendrauf standen dutzende von alten Fotografien in polierten Rahmen. Das größte in der Mitte zeigte ihren Mann, der vor einigen Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Auf dem Bild trug er eine seltsame Uniform und einen Helm mit Spitze. Außerdem einen gewaltigen dunklen Schnurrbart.

Ich stieß Margit an: „Dein Opa?“ und wies auf das Bild. „Nein, das ist mein Uropa und Oma Hanni ist meine Uroma. Hatte ich das nie erzählt? Na, ist ja auch egal. Meine richtige Oma saß bei dem Unfall mit meinem Opa im Auto und ist auch tot. Ich habe sie kaum gekannt. Seitdem wohnt Oma bei uns. Sie sagt immer: Besser als im Altersheim.“ Ich nickte. Das erklärte auch, warum sie so viel älter wirkte als meine Oma.

„Könnt ihr mal kurz helfen?“, rief sie aus der Küche. Margit stand auf und bedeutete uns ruhig sitzen zu bleiben. Kurz darauf erschien sie mit einem großen Tablett in der Tür, das sie auf den Glastisch in der Mitte stellte. Ich stand rasch auf und half, die schweren Gläser auf Untersetzern zu verteilen. Dazu kam ein Krug voller Apfelsaft und ein großer Teller selbstgebackener Kekse, die frisch aus dem Ofen zu kommen schienen und warm und verlockend dufteten. Oma Hanni kam jetzt auch, band die weiße Schürze ab und legte sie ordentlich über die Rückenlehne ihres großen Ohrensessels, der den Raum dominierte und nur ihr vorbehalten war. Sie richtete rasch ihr gelocktes, weißes Haar, strich ihr schwarzes Kleid glatt und setzte sich. „Was verschafft mir die Ehre eures Besuches?“, fragte sie in die Runde und nahm sich einen Keks. Mit einem Kopfnicken bedeutete sie uns, ebenfalls zuzugreifen. Die Kekse schmeckten so traumhaft wie sie rochen und sie waren tatsächlich noch warm. Margit begann kauend zu erzählen. Sie erzählte von meinem Erlebnis am Teich, der Suchmannschaft und der verlorenen Zeit. Dann bat sie mich, die Erscheinung zu beschreiben. Auch wenn wir uns nicht hätten vorstellen können, diese Geschichte jemals einem Erwachsenen zu erzählen, so kam es mir vollkommen in Ordnung vor, hier mit Saft und Keksen zu sitzen und dieser alten Dame mein Erlebnis zu schildern.

Als wir geendet hatten, nahm sie sich noch einen Keks und sah uns scharf an. Dann stand sie auf und ging in den Nebenraum. Wir hörten ihre tippelnden Schritte hin- und herlaufen, dann eine schwere Schranktür. Als sie wieder im Türrahmen erschien, hatte sie ein altes Fotoalbum in der Hand. Es war in dunkles Leder gebunden, das an vielen Stellen schon ganz abgegriffen aussah. Sie setzte sich mit einem Seufzen in ihren Lehnstuhl und öffnete das Album.

Von unserem Platz aus konnten wir sehen, dass es zahlreiche uralte Zeitungsausschnitte enthielt. Die Schrift sah komisch aus und erinnerte mich an einige Bücher, die mein Vater in seinem Schrank stehen hatte und die er noch von seinem Vater hatte.

Oma Hanni sah uns der Reihe nach an. dann räusperte sie sich und holte eine silberfarbene Nickelbrille aus ihrer Tasche. Sie putzte sie nachdenklich und setzte sie auf. Den obersten Zeitungsausschnitt reichte sie an Margit weiter. Wir schauten ihr neugierig über die Schulter. Auf der verblichenen Zeitungsseite war das Foto eines Mädchens abgedruckt. Sie mag ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein. Sie hatte lange dunkelbraune Locken und trug ein weißes Rüschenkleid. Die Schrift konnte ich nicht lesen, wohl aber die Jahreszahl. Die Zeitung war vom 1. Juli 1895.

Fragend schaute ich Oma Hanni an. sie lächelte und sagte: „Das ist, das war Katharina. Sie war das erste der verschwundenen Kinder. Wir besuchten zusammen die Schule und wir waren die besten Freundinnen. Eines abends war sie mit ihren Eltern spazieren, unten an der Niers, gar nicht weit weg von hier in der Nähe der alten Eisenbahnbrücke. Sie blieb etwas zurück und spielte am Wasser. Ich glaube ihre Eltern erzählten, sie hätte Steine springen lassen wollen. Nach einigen Minuten riefen sie sie und da war sie weg. Niemand hat sie je wieder gesehen. man hat die ganze Niers abgesucht. Hunderte Menschen wateten mit Stöcken durch das flache Wasser. Alle glaubten, sie sei rein gefallen und ertrunken. Aber man niemals etwas gefunden. Sie hat sich in Luft aufgelöst.

Es war so still im Raum, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Da bekam Inken einen Hustenanfall. Sie hatte sich zu viele Kekse in den Mund gestopft und versuchte nun verzweifelt die Atemwege wieder frei zu bekommen. Margit schlug ihr beherzt zwischen die Schulterblätter und nach einer Weile normalisierte sich ihre Gesichtsfarbe wieder.

„Und was passierte dann?“, wollte ich wissen.

„Die Zeitungen waren voll davon. Ihre Eltern waren reich und gingen auch von einer Entführung aus . Ich habe alles dazu gesammelt und auch selbst versucht, etwas herauszufinden. Aber ich war nur ein Kind und habe einfach versucht mit meiner Trauer klar zu kommen. “

„Und warum zeigst du uns das?“, fragte Margit, „Alice ist doch nicht verschwunden. Sie hat nur etwas gesehen und war eine Weile nicht zu finden.“

„Margit“, sagte Oma Hanni während sie uns die anderen Bilder und Zeitungsausschnitte zeigte, „Katharina und ich waren beste Freundinnen. Und in den Wochen bevor sie verschwand, hat sie einige Male genau das gleiche gesehen, wie eure Alice jetzt. Sie hat es nur mir erzählt, weil sie befürchtete, verrückt zu sein. Und auch ich habe es nur für Alpträume oder soetwas gehalten. Bis sie wirkich verschwand.“

Wir schwiegen. Ich bekam eine Gänsehaut und rutschte ganz nah an Margit heran. Sie legte mir beschützend den Arm um die Schultern. Inken kuschelte sich an meine andere Seite. Wir saßen da bis es dunkel wurde. Oma Hanni entzündete eine Kerze, sammelte schweigend die Zeitungsausschnitte ein und drängte uns zu gehen. Sie sei müde, sagte sie. Zum Abschied nahm sie uns alle kurz in den Arm. Mich drückte sie ein wenig länger und raunte mir ins Ohr: „Pass gut auf dich auf meine Kleine.“

To be continued…

Alice

Fortsetzung: Katharina die Zweite

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s