Der Plan

Fortsetzung von Sicherheitsverwahrung

Ein regelmäßiges Klacken weckte mich. Ich musste wohl eingeschlafen sein. Als ich mich aufsetzte, fiel das Buch von den fünf Freunden mit einem lauten Krachen auf den Boden. Das Geräusch kam vom Fenster. Ich stand auf und zog die gelben Vorhänge beiseite, die die Sonne nur unzureichend aussperrten. Ich konnte nichts erkennen, außer dass regelmäßig kleine Steine gegen meine Scheibe geworfen wurden. Mein Fenster ging zum Gang zwischen Haus und Garage hinaus. Links in meinem Blickfeld war ein großes schmiedeeisernes Gartentor. Und die Steine flogen darüber. Ich musste lachen. Margit hatte sich auf die Mülltonne gestellt. die rechts neben dem Tor stand und warf kleine Kieselsteine in meine Richtung. Als sie sah, dass ich sie entdeckt hatte, lachte sie und winkte mir zu. Ich gab ihr das Signal, dass ich raus kommen würde und zog meine Sandalen an. Ohne mich abzumelden zu verschwinden war heute keine sinnvolle Option. Ich ging in die Küche und erwischte meine Eltern beim Mittagessen.

„Setz dich“, sagte meine Mutter und füllte einen Teller mit Erbsensuppe. Samstag, ich hatte ganz vergessen, dass Eintopftag war. Mein Magen drehte sich um und mein Gesicht nahm wahrscheinlich die Farbe der Suppe an. Ich wollte mich gerade mit vorgetäuschter Übelkeit vom Essen abmelden, da sah ich in das Gesicht meines Vaters. Er fixierte mich gereizt. Die Schläfenader pochte und seine Kiefermuskeln waren so angespannt, dass sie sich wie schmale Stränge über seine Wangen zogen. Ich setzte mich rasch, dankte meiner Mutter und angelte mir ein Brötchen aus der Tüte. Jetzt war mir wirklich schlecht. Der Duft der Suppe ließ mich würgen. Tapfer senkte ich den Löffel in den grünen Brei und lutschte einen Miniklecks. Es war pure Selbstbeherrschung, dass ich mich nicht sofort übergab. Ich hatte ein fettiges Stück Fleisch erwischt, das getarnt zerkocht dort auf mich gelauert hatte. Ich biss rasch vom Brötchen ab und betete, dass ich die Kombination irgendwie in meinen Magen würde befördern können.

Mein Vater starrte mich immer noch an. Ich senkte den Blick um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Er schob ruckartig den halbvollen Teller von sich und zündete sich eine Zigarette an. Ich wagte nicht ihn anzusehen. An seinem Atem hörte ich, wie er innerlich kochte. Jetzt nur keinen Anlass geben.

„Was fällt dir eigentlich ein, uns so in Sorge zu versetzen“, begann er mit zischender Stimme. „Oje“, dachte ich und zog den Kopf ein, „das fängt nicht gut an…“ Mein Mund war trocken und ich griff nach dem Wasserglas. Ich musste jetzt sofort antworten und brauchte etwas zum Runterspülen. Außerdem schob ich immer noch das Stück fettes Fleisch in meinem Mund herum und es wollte partout nicht in meinem Magen wandern. Meine zitternden Finger rutschten ab und ich stieß das Glas um. Das Wasser ergoss sich über den Resopaltisch, in den Teller meines Vaters und auf sein Hemd. Er sprang auf und fing an zu schreien wie ein Tier. Meine Ohren dröhnten während er mir Beleidigungen an den Kopf knallte. Er wurde dabei immer wütender und riss die Besteckschublade des alten Küchenschranks auf. Mit einem Kochlöffel bewaffnet wollte er auf mich los, doch glücklicherweise war der Küchentisch zwischen uns. Meine Mutter tat – nichts. Sie saß nur da und wischte nervös mit einem Küchenhandtuch das Wasser weg. Ich nutzte den Augenblick Vorsprung und spuckte den zähen Klumpen zurück auf meinen Teller. Dann rannte ich in den kleinen Waschraum neben der Küche, warf die Tür hinter mir zu und dankte Gott dafür, dass der Schlüssel von innen steckte. Ich schloss gerade noch rechtzeitig ab, bevor mein Vater die Tür erreichte und sich mit Gewalt dagegen warf. Sein Brüllen hatte nichts Menschliches mehr. Dann begann er gegen die Tür zu treten. Ich war froh, bei dem ganzen Lärm, nicht die Worte zu verstehen, die er mir an den Kopf warf. Ich öffnete rasch das kleine Fenster am Ende des Raumes und kletterte hindurch. Geduckt rannte ich am hinteren Küchenfenster vorbei, um die Hausecke und durch das Gartentor. Dort saßen Inken und Margit grinsend auf den Mülltonnen. Ihr Lachen erstarb als sie mein bleiches Gesicht sahen. „Weg“, zischte ich. Sie verstanden sofort. Margit gab uns das Signal, dass wir in ihren Garten laufen sollten.

Wir rannten über die Straße, durch den gelben, gemauerten Torbogen und bis hinten auf die Rasenfläche. Mein Vater würde mir nicht folgen. Obwohl alle wussten, was für ein Tyrann er war, schreckte er doch davor zurück, mich in aller Öffentlichkeit anzugreifen. Ich glaube, er redete sich immer noch ein, dass niemand von seinen gewalttätigen Übergriffen auf seine Kinder wusste.

Schwer atmend ließ ich mich auf die Rasenfläche plumpsen. Die Beiden ließen sich links und rechts von mir nieder. Margit legte den Arm um mich und reichte mir ein benutztes Taschentuch. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich weinte. Eine Weile schwiegen wir.

„So, das reicht“, sagte ich und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Soll er doch wüten. Ich glaube, er weiß gar nicht, dass ich schon weg bin.“ Und bei der Vorstellung, dass er wie Rumpelstilzchen vor einem leeren Raum tobte, musste ich lachen. Vor dem Heimweg hatte ich keine Angst. Erfahrungsgemäß hatte er sich nach zehn Minuten wieder beruhigt und würde entspannt weiter essen. Er würde sich an diesen Ausbruch gar nicht mehr erinnern.

Margit und Inken lachten mit mir und wenn ich auch wusste, dass sie sich Sorgen um mich machten, so war uns doch allen bewusst, dass sie nichts tun konnten.

„Habt ihr was raus gefunden?“, lenkte ich die Stimmung in eine andere Richtung, „ich konnte nur mit meinem Opa sprechen und das war wenig ergiebig.“

„Meine Oma hat ihren Mittagsschlaf gemacht. Ich kann sie erst später sprechen“, ergänzte Margit, „aber wir können mal aufschreiben, was wir tun können, wen wir fragen können.“

Sie kramte einen kleinen Block und einen abgekauten Bleistift aus ihrer Tasche und schrieb ganz oben auf den Zettel: „Unser Plan“.

„Schreib auf“, diktierte ich, „Großeltern befragen, vielleicht auch ein paar von den alten Nachbarn hier.“ Margit notierte alles. Inken warf ein: „Was ist mit der Zeitung? Jörg arbeitet da und ich glaube, die haben auch ganz alte Zeitungen. Sie nennen das Archiv.“ „Das ist eine tolle Idee, Inken“, erwiderte Margit und schrieb es auf. „Was ist mit dem Museum für Stadtgeschichte?“, fragte ich. „Wir waren mal mit der Klasse da und sie haben haufenweise alte Legenden und Erzählungen in den Büchern dort. Wenn so etwas schon mal passiert ist, dann haben sie es vielleicht auch da aufgeschrieben.“

Margit notierte. „Aber wie erklären wir den Leuten, warum wir das wissen wollen?“

„Du machst ein Schulprojekt“, fiel mir ein. „Du bist schon auf dem Gymnasium und da bekommt ihr bestimmt auch mal Aufgaben über die Ferien.“ Margit sah mich zweifelnd an. „Ich bin in der sechsten Klasse. Da bekommen wir sowas noch nicht auf.“ „Aber das weiß doch keiner“, entgegnete ich.

Margit grinste. „Okay, so machen wir das. Wo fangen wir an?“

„Meine Oma kommt um vierzehn Uhr nach Hause“, warf ich ein, „aber ich würde gerne außerhalb unseres Hauses beginnen.“

Margit blickte zu ihrem Elternhaus hinüber. Dort wurden gerade die Rolläden im Dachgeschoss hochgezogen. „Meine Oma ist wach. Habt ihr Lust auf Kekse und Gruselgeschichten?“

To be continued...Katharina

Alice

7 Kommentare Gib deinen ab

      1. Der gewalttätig und tobende Vater

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      2. Ja… das war krass

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  1. Schreib weiter! Sehr spannend!

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    1. Danke schön 🙂 Ich tue mein Bestes 🙂

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