Sicherheitsverwahrung

Fortsetzung von
Wie alles begann
Wie es weiterging…
Die Mädels und ich…
Der Treffpunkt

Wir saßen noch eine Weile zusammen, während die Kerze, deren Flamme man an diesem hellen Sommertag kaum sehen konnte, zwischen uns brannte. Inken löste als erste den Kreis und schaute auf ihre Armbanduhr. „Scheiße! Ich hab ganz vergessen, dass ich nachher mit meiner Mutter zum Einkaufen muss. Sollen wir uns heute mittag wieder treffen?“ Margit löschte die Kerze und stand auf. „Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee. Wenn wirklich schon mal so etwas hier passiert ist, bekommen wir das nicht heraus, wenn wir hier sitzen. Ich frage nachher mal meine Oma. Wenn jemand etwas weiß von solchen Dingen, dann sie.“

Margits Oma war schon sehr alt und hatte ihr ganzes Leben in dieser kleinen Stadt verbracht. Sie wusste praktisch alles, was hier eimal passiert war. Und auch wenn sie manchmal nicht mehr wusste, welcher Wochentag war oder immer noch glaubte, Adenauer sei Bundeskanzler, waren ihre Erinnerungen an ihre Jugend erstaunlich präzise. Auch meine Oma war hier aufgewachsen. Sie hatte weniger Interesse an alten Geschichten oder mir, aber sie arbeitete noch in der alten Nährmittelfabrik im Feld.

Inken erhob sich ebenfalls und verstaute ihr Sitzkissen. Sofort stand Willi schwanzwedelnd neben ihr. „Was für eine tolle Idee. Lasst uns recherchieren“, grinste sie. Ihre große Schwester war seit kurzem mit einem Journalisten zusammen und wir hatten den Verdacht, dass Inken ein bisschen in ihn verknallt war. Sie redete dauernd davon, was für einen tollen Job er hat und ließ gerne Fachausdrücke fallen, von denen sie wahrscheinlich selbst nicht genau wusste, was sie bedeuteten.

„Genau“, grinste ich und fühlte mich schon viel wohler, „lasst uns recherchieren.“ Wir drei würden schon rausfinden, was das für eine seltsame Erscheinung war. Meine Angst wich einer freudigen Erwartung und als wir uns auf den Heimweg machten, waren wir fast so ausgelassen wie sonst auch an einem heißen Sommertag, wenn Ferien waren. Und wir hatten ein spannendes Rätsel zu lösen. Dass ich mittendrin steckte, erschreckte mich nicht mehr. Mit meinen Mädels an meiner Seite konnte mir nicht passieren.

Vor meinem Haus verabschiedeten wir uns voneinander und verabredeten uns für den frühen Nachmittag am Treffpunkt. Margit wollte was zum Schreiben mitbringen, ich war für den frischen Sprudel zuständig und Inken wollte ein paar Süßigkeiten organisieren.

Als ich das Haus betrat und in die Küche ging, saß meine Mutter rauchend am Küchentisch. Der Aschenbecher war überfüllt und man konnte die Luft schneiden. Ihre Hände zitterten und man sah, dass sie geweint hatte. „Wo warst du?“, herrschte sie mich an. „Ich war mit Margit und Inken im Feld. Wir haben gespielt“, entgegnete ich mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. „Bist du verrückt?“, fing sie an zu schreien und kam auf mich zu, „Ich habe Todesängste ausgestanden. Du warst verschwunden und kaum bist du wieder da, tust du so, als wäre nichts passiert. Willst du mich ins Grab bringen? Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Du bleibst jetzt zu Hause. Spielt im Garten oder in deinem Zimmer. Schluss mit den Ausflügen. Ich will ab sofort genau wissen, wo du gerade bist.“ „Aber…“, setzte ich an, doch meine Mutter unterbrach mich sofort: „Keine Widerrede. Du bist viel zu jung, um dich rumzutreiben. Ich will doch nicht, dass dir was passiert. Du sagst mir ab sofort ganz genau, wo du gerade bist. Du bleibst hier in der Straße. Punkt.“ Ich schwieg. An dieser Stelle gab es keinen Spielraum zu diskutieren. Ich kannte das schon. Am Ende käme sie wieder mit meiner Undankbarkeit, der Nervenklinik oder ihrer neusten Drohung, dem Kinderheim. Diese Druckmittel machten mir mehr Angst als der Schemen, den ich gesehen hatte. Vielleicht wäre es gut gewesen, wenn er mich dauerhaft mitgenommen hätte.

Sie setzte sich, zündete eine neue Zigarette an und weinte ein bisschen. Das konnte ich gar nicht haben. Also stimmte ich zu und nahm sie in die Arme. „Ist gut, Mama. Natürlich bleibe ich hier. Mach dir bitte keine Sorgen mehr.“ Sie schniefte noch ein bisschen, etwas zufriedener jetzt. Mir war unwohl. Und ich musste den Mädels mitteilen, dass ich auf unbestimmte Zeit nicht zum Treffpunkt kommen würde. Was für ein Mist.

Da fiel mir unser Rechercheauftrag ein. „Ist Oma da?“, fragte ich. „Nein, sie arbeitet heute bis zwei“, entgegnete meine Mutter. „Aber dein Opa ist im Garten. Frag doch, ob du ihm mit den Kaninchen helfen kannst.“ Wenig begeistert nickte ich. Mein Opa war nicht mein richtiger Opa. Er war der zweite Mann meiner Oma, die ihren ersten im Krieg verloren hatte. Dieser hier hatte mit mir wenig am Hut. Er züchtete Kaninchen und schlachtete sie regelmäßig. Dabei mochte ich heute ganz bestimmt nicht zusehen.

„Ist gut“, sagte ich, „Ich sag den Mädels aber noch kurz Bescheid, dass ich zu Hause bleibe. Dann bin ich im Garten.“ Ich machte einen kurzen Umweg über mein Zimmer und schrieb den beiden eine kurze Notiz, dass sie zu mir kommen sollten. Die warf ich in die Briefschlitze ihrer Haustüren und ging dann in unseren Garten.

Glücklicherweise war heute wohl kein Schlachttag. Mein Opa fütterte die Kaninchen und machte ihre Ställe sauber. Als er mich sah, drückte er mir eine kleine Schaufel in die Hand und wies auf einen der gemauerten Ställe im hinteren Schuppen. Tausende Fliegen summten in dem kleinen Raum, der nach Mist stank. Ich würgte. Tapfer öffnete ich eine Stalltür und zog das verdreckte Streu mit der Schaufel in einen Eimer. Dann legte ich neues Stroh nach und schloss die Tür.

„Wie lange lebst du schon hier?“, versuchte ich ein Gespräch in Gang zu bringen. „Ich bin hier geboren“, brummte er, „Mach das ordentlich.“

„Hast du schon mal was von verschwundenen Kindern gehört?“, bohrte ich weiter während ich mich tapfer an den nächsten Stall machte. Der Rammler fauchte mich an. Das waren keine Kuschelkaninchen. Ich wich den zwickenden Zähnen aus und kratzte den Kaninchenmist aus den hinteren Ecken. „Nee“, antwortete er nach einer längeren Pause, schloss die letzte Stalltür und trug den Eimer mit dem Mist zum Komposthaufen. Gespräch beendet. Das lief ja phantastisch.

Ich ging ins Haus um mir die Hände zu waschen. Aus der Küche hörte ich Klappergeräusche, meine Mutter bereitete das Mittagessen zu. Sonst war alles ruhig. Ich ging in mein Zimmer und schnappte mir ein Buch. Sonst waren die fünf Freunde eine gute Ablenkung. Doch ich fühlte mich eingesperrt und konnte mich nicht auf die Geschichte konzentrieren. Hoffentlich hatten die Mädels mehr Glück.

To be continued…

Alice

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