Der Treffpunkt

Fortsetzung von
Wie alles begann
Wie es weiterging…
Die Mädels und ich…

Wir rannten los. Vorbei an den Siedlungshäusern bis ans Ende der Straße, dann rechts und immer geradeaus. Auf halber Strecke machte ich schlapp. Ich war nicht nur die Jüngste, ich war auch ein bisschen pummelig und meine Kondition war nicht die Beste. Außerdem hatte ich wenig geschlafen. Margit und Inken drosselten sofort ihr Tempo, als sie merkten, dass ich nicht mehr mitkam. Nur Willi rannte weiter bis er einen Hasen erspähte, der uns auf dem Feld entgegenkam. Dann machte er eine Kehrtwende, dass der trockene Sand hochstob und jagte den Hasen ins Kornfeld hinein. „Willi! Hierher!“, brüllte Inken. Doch der Hund hatte gerade Besseres zu tun. Gernervt stöhnte Margit auf „Du solltest ihn an die Leine nehmen, wenn er nicht hört!“

„Blabla“, entgegnete Inken, „Er hört doch. Nur es interessiert ihn gerade nicht. Er wird schon zurückkommen, wenn ihn der Hase genug an der Nase herumgeführt hat.“

Wie setzten uns an den Straßenrand und warteten. Ohne den gnädigen Schatten eines Baumes war es unerträglich heiß. Endlich raschelte das Feld hinter uns und Willi kam herausgesprungen. Glücklich hechelnd und das Fell voller Kletten umringte er uns schwanzwedelnd. „Guter Junge“, lobte Inken ihn halbherzig, stand auf und gab uns das Signal, dass wir weiterkonnten. Erfahrungsgemäß war Willi mit einer Jagdeinheit pro Ausflug zufrieden. Er war auch nicht mehr der Jüngste.

An der neuen Kläranlage bogen wir links ab und kletterten über den Weidezaun. Die dort grasenden Milchkühe würdigten uns keines Blickes. Die meisten von ihnen lagen sowieso entspannt unter dem einzigen großen Baum auf ihrer Weide, der etwas Schatten spendete. Am Ende der Wiese mussten wir noch einmal klettern, uns dann durch ein dichtes Gebüsch quetschen und dann waren wir da. Die alte Eisenbahnbrücke war mittlerweile nur noch eine Ruine. Irgendwann vor einigen Jahrzehnten war dort eine Schmalspurbahn gefahren, die ein Lebensmittelwerk mit dem Bahnhof verband. Heute hatten LKWs den Transport übernommen. Die Gleise waren mittlerweile abgebaut oder geklaut und nur wenige Holzschwellen rotteten auf der verrosteten Stahlkonstruktion vor sich hin. Die Auflager waren gemauert und von Efeu überwachsen. In ihrem Schatten war es angenehm kühl. Dort war unser Treffpunkt.

Anfang des Sommers war in der Nachbarschaft Sperrmüll gewesen. Inken hatte die großartige Idee, ein paar alte Sofakissen und einen Stuhl abzustauben und damit unseren geheimen Platz etwas wohnlicher zu gestalten. Außerdem hatten wir ein paar Sprudelflaschen, eine Kerze und zwei alte Wolldecken gebunkert. Und Kekse – für Notfälle.

Jetzt wühlten wir die Kissen aus ihrer wettergeschützen Ecke und verteilten sie auf dem Boden. Wir setzten uns und Willi legte sich unter eine alte Erle, die alles überspannte und uns vor neugierigen Blicken schützte, wenn sich doch einmal jemand hierhin verirren sollte. Die Beiden sahen mich auffordernd an. „Leg los“, sagte Margit und reichte mir eine der Sprudelflaschen. Ich trank einen Schluck und reichte die Flasche weiter.

„Ich hab nicht geschlafen“, begann ich, „ich war die ganze Zeit da und hab am Teich in unserem Garten gesessen.“ Und dann erzählte ich von dem, was mir im Mondlicht erschienen war, der für mich wahrgenommenen Zeit und meiner Verwunderung, dass ich wohl über Stunden nicht aufzufinden war.

Als ich zuende erzählt hatte, blickte ich in verstörte Gesichter. Beide schwiegen. Margit zog mit zitternden Fingern eine verbeulte Metalldose aus ihrer Tasche und holte eine halbaufgerauchte Zigarette heraus. Sie brauchte drei Anläufe, um das Streichholz zu entzünden. Dann nahm sie einen tiefen Zug, atmete ihn aus Versehen ein und bekam einen furchtbaren Hustenanfall. Inken reichte ihr die Wasserflasche. „Danke“, japste Margit, krebsrot im Gesicht und nahm einen tiefen Schluck. Sie räusperte sich: „Geht schon.“

„Wissen deine Eltern davon?“, fragte Inken. „Nein, sie würden mir sowieso nicht glauben“, entgegnete ich, „mein Vater würde ausrasten und mich nicht mehr raus lassen und meine Mutter würde einen Nervenzusammenbruch erleiden. Ihr wisst doch, wie sie sind.“ Von uns dreien hatte ich wirklich das große Los gezogen, was das Elternhaus anging. Meine Mutter hatte das Nervenkostüm einer Hausmaus. Sie machte sich um alles Sorgen und hätte mich sowieso am Liebsten in Watte gepackt in einem Wandschrank eingeschlossen. Dass ich überhaupt losziehen durfte mit meinen Mädels, lag daran, dass Margit einiges älter war und den Ruf hatte, sehr verantwortungsbewusst zu sein. Es durfte allerdings nichts passieren. Dann gab es ein großes Geschrei und ich durfte mir anhören, wie gefährlich das Leben sei, wie groß ihre Sorge um mich und dass ich sie mit Sicherheit ins Grab oder in die Nervenheilanstalt bringen würde. Mein Vater dagegen war ein Choleriker. Im Prinzip interessierte er sich nicht für uns Kinder. Wir sollten leise und unsichtbar sein. Wenn möglich, hielt ich mich deshalb am liebsten außerhalb des Hauses auf, wenn er da war. War ein Zusammentreffen nicht zu vermeiden, achtete ich penibel darauf keinen Fehler zu machen. Je nachdem wie seine Laune gerade war, konnte ein Krümel auf dem Boden einen Anfall auslösen. Dann brüllte er mich an, machte mich runter und schlug auch schon mal zu. Mittlerweile kannte ich die Anzeichen für einen drohenden Ausbruch ziemlich gut. Wenn er beim abendlichen gemeinsamen Fernsehen wie eine Dampflok an seiner Zigarette zog, verzichtete ich lieber auf die Sendung und verkrümelte mich mit einem Buch im Bett.

Die beiden verzogen das Gesicht. „Okay, von der Seite können wir keine Hilfe erwarten“, sagte Inken und schaute mich mitleidig an. Sie legte mir eine Hand auf den Arm und drückte aufmunternd zu. Ich war so glücklich, dass sie nicht einen Augenblick an mir zweifelten.

„Zuerst einmal müssen wir herausbekommen, was das eigentlich war“, begann Margit und ihre Augen blitzen auf, „ich kann mir nicht vorstellen, dass soetwas noch nie vorgekommen ist.“

Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Ich hatte den beiden erzählt, dass ich keine Angst gehabt hatte und auch, dass der Schemen mir sehr alt vorgekommen war. Also würde es sicher noch andere Menschen geben, die ihm begegnet sind.

Margit stellte mit Schwung die Sprudelflasche ab, erhob sich und holte die Kerze. Sie hatte einen Hang zur Theatralik. Deswegen wunderten wir uns nicht, dass sie das Licht in unserer Mitte entzündete und uns aufforderte uns an den Händen zu fassen.

„Wir schließen einen Pakt“, begann sie, „es kann nicht sein, dass Alice damit alleine gelassen wird. Wir finden heraus, wer ihr begegnet und was mit ihr passiert ist.“

Aufmunternd nickte sie mir zu. „Du bist nicht allein“, lächelte sie mich an.

To be continued…Sicherheitsverwahrung

Alice

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. du solltest Bücher schreiben. Ich warte schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung

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    1. Danke dir 😘 ich arbeite daran…

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      1. An den Büchern oder an der Fortsetzung?

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  2. Ich staune gerade selbst, wie leicht es mir fällt, mich auf ein Thema einzulassen und mir Zeit dazu zu nehmen…erstmal wird diese Geschichte weitererzählt..und dann…mal schauen… Ich freue mich total, dass es dir gefällt

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