Veröffentlicht in Mal über mich, Psychokram

Tiefenentladung

Mein Handy hat ein Akku, so wie viele andere elektrische Geräte mittlerweile. Lade ich es nicht regelmäßig auf, verabschiedet es sich automatisch, sobald die Ladung fünf Prozent unterschreitet. Wie ich mir habe erklären lassen, dient dieser Mechanismus dem Schutz des Akkus. Wäre es komplett leer, würde es sehr lange dauern, es wieder zu laden. Im schlimmsten Fall könnte es Schaden nehmen und würde nie wieder seine ursprüngliche Kapazität erreichen.

Wir Menschen haben leider keine eingebaute Schutzvorrichtung. Wir belasten uns und verbrauchen unsere Reserven, bis die Akkus komplett leer sind. Die roten Warnlampen und die ganzen Fehlermeldungen, die vor dem Totalausfall schützen sollen, werden geflissentlich ignoriert. Ein wenig geht immer noch – bis gar nichts mehr geht – Tiefenentladung.

Meistens hören wir trotzdem nicht auf, versuchen es zumindest. Da sind so viele Dinge, die erledigt werden müssen, Menschen, die sich auf uns verlassen, Pflichten, Verantwortlichkeiten, Aufgaben.

Was würde bloß passieren, wenn wir es nicht erledigen? Wer würde sich darum kümmern? Wer, wenn nicht wir, kann diese Arbeit bewältigen?

Die traurige – und beruhigende – Anwort ist: irgendjemand.

Wir sind in vielen Aufgaben ersetzbar. Das sieht man, wenn jemand in den wohl verdienten Ruhestand geht. Von einem auf den anderen Tag ist er eben nicht mehr da. Im optimalen Fall, wurde vorher jemand eingearbeitet, der diese Aufgaben übernimmt – läuft es nicht so gut, findet sich trotzdem irgendwie eine Lösung und das Leben geht weiter. Fällt jemand plötzlich durch Krankheit oder gar Tod aus, sieht es praktisch genauso aus.

Irgendjemand übernimmt die Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Es geht einfach weiter. Keine Firma schließt ihre Tore, weil ein Mitarbeiter erkrankt, keine Familie verhungert, weil die Mutter nicht mehr kocht, die Sonne geht gnadenlos weiter auf und unter.

Tröstlich? Bedingt!

Wir streben danach, unersetzlich zu sein. Und das nicht nur im privaten, beziehungstechnischen, sondern ganz besonders, wenn es um unsere Leistung, unsere Arbeit geht. Und je wichtiger wir uns und unsere Tätigkeiten nehmen, desto erschreckender ist die Erkenntnis, dass es auch ohne uns geht.

Können wir uns allerdings davon lösen, dass nur wir ganz alleine und niemand sonst auf der großen, weiten Welt, diese bestimmte Aufgabe bewältigen können, besteht die Chance zu entspannen.

Wir können – endlich – auf die roten Warnlampen achten und uns rechtzeitig auf die Ladestation legen. Und was wir nicht schaffen, macht eben jemand anders oder bleibt liegen bis wir wieder da sind.

Wir können uns vielleicht sogar darauf besinnen, dass wir nicht weniger wertvoll sind, nicht weniger einzigartig, wenn auch andere unsere Arbeit tun können.

Und wenn dann das Akku wieder vollständig geladen ist – und hoffentlich keinen Dauerschaden davon getragen hat – können wir wieder los legen.

Ein wenig vorsichtiger vielleicht, den Ladezustand fest im Blick.

Alice

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Autor:

Nachdenkliches, Persönliches, manchmal Witziges oder Absurdes beschäftigen mich und landen ungefiltert in meinem Blog.

3 Kommentare zu „Tiefenentladung

  1. Es zu lernen ist sehr schwer. Die längste Zeit meinen vollkommen, bis zum allerletzten Rest aufgebrauchten Akku wieder zu laden hat 1 1/2 Jahre gebraucht. Klar sind da die deutlichen Zeichen, die gegen Ende praktisch unüberfühlbar sind. Der Leistungsgesellschaft ein Stück von der Pelle zu rücken ist für Workaholics mega schwer. Umlernen ist angesagt und dauert oft etwas länger.
    Mit jedem Rückfall wird aber das Leben letztendlich gehaltvoller.

    LG Elke

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